Sport : Augen zu – und weg

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Stefan Hermanns über Olympia

und die Prostituierten in Athen

Kleine Kinder haben eine sehr eigenwillige Methode, mit der sie unangenehme Wahrheiten aus der Wirklichkeit ausblenden. Sie schließen einfach die Augen, halten vorsichtshalber noch die Hände vors Gesicht – und schon ist die Welt wieder in Ordnung. Manchmal hilft dieses Verfahren auch, um sich selbst unsichtbar zu machen. Zumindest gibt es Kinder, die vom Funktionieren dieser Methode überzeugt sind.

Nach einem ähnlichen Muster verfahren im Moment die Kommunalpolitiker der griechischen Hauptstadt Athen. Auch dort gibt es im Hinblick auf die Olympischen Spiele im kommenden Sommer einige unangenehme Wahrheiten, und damit ist nicht gemeint, dass sich im Moment niemand richtig vorstellen kann, wie die notwendigen Sportstätten bis zur Eröffnungsfeier der Spiele noch fertig werden sollen.

Die größte Sorge der Stadt Athen scheint zurzeit zu sein, dass sich die sittlich noch nicht gefestigte Jugend der Welt im nächsten Jahr ein falsches Bild von den Griechen machen könnte. Alle Bordelle, die sich in der Nähe von Schulen, Kirchen und Parks befinden, sollen daher geschlossen werden; insgesamt könnten von der Maßnahme 370 Bordelle in Athen betroffen sein, fürchtet der Verband der Prostituierten.

Wo keine Bordelle sind, da gibt es auch keine Prostitution – das ist offensichtlich die kindliche Logik der Athener. Allerdings wissen wir nicht genau, wie sich die Kommunalpolitiker die Konsequenzen vorstellen. Vielleicht gehen sie davon aus, dass die Prostituierten ohne festes Dach über dem Kopf und eigenes Lotterbett die Reizwäsche sofort an den Nagel hängen, beim Arbeitsamt um eine Umschulung nachsuchen – und anschließend als Sekretärinnen, Kindergärtnerinnen oder OlympiaHostessen arbeiten.

Wir wissen auch nicht, ob die Maßnahmen in Athen mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) abgesprochen sind. Als übermoralisch sind deren Vertreter bisher nicht in Erscheinung getreten. Vor einigen Jahren führte die Bewerberstadt Salt Lake City den IOC-Inspektoren Prostituierte als weibliche Begleitung zu. Geschadet hat es nicht: Salt Lake City war 2002 Olympiastadt.

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