Sport : Aus 25 Metern überlistet

Flensburgs Handballer besiegen Kiel 39:33 und düpieren Welttorhüter Henning Fritz auf besondere Art

Erik Eggers[Flensburg]

Es war eine Demütigung. Mit einem Lächeln machte sie Joachim Boldsen perfekt. Der stämmige dänische Handballprofi, der in Flensburg seiner ungestümen Kraft wegen nur „Traktor“ heißt, beendete den Rausch nicht mit einer wilden Angriffsaktion, sondern er genoss mit höhnischem Grinsen die letzten Sekunden des Spiels gegen den Erzrivalen THW Kiel. An der Mittellinie stehend, prellte er aufreizend lässig den Ball, eine Aktion wie im Training. Dann warf er ihn mit verächtlicher Miene Schiedsrichter Frank Lemme vor die Füße – und die 6500 Zuschauer in der ausverkauften Campushalle feierten mit ihm den unerwartet deutlichen 39:33 (19:16)-Erfolg der SG Flensburg-Handewitt gegen den amtierenden Meister.

„Das war ein hochverdienter Sieg für den Gegner“, kommentierte THW-Trainer Zvonimir Serdarusic danach die erste Saison-Niederlage seiner Mannschaft, „jeder in der Halle hat das doch gesehen“. Damit war der befürchtete Durchmarsch des elfmaligen Titelträgers durch die Handball-Bundesliga gestoppt; allein der VfL Gummersbach ist nach seinem 38:21 in Melsungen verlustpunktfrei.

Als unschlagbar hatten die Experten den Branchenführer aus Kiel eingestuft, weil der trotz des Titels hochkarätige Spieler verpflichtet hatte. Den besten Eindruck hinterließ am Samstag noch der Franzose Nicolas Karabatic, dessen Rückraumaktionen den Geist der Genialität atmen. Der schwedische Rückraumspieler Kim Andersson und der slowenische Weltklasserechtsaußen Vid Kavticnik enttäuschten dagegen. Am Ende blieb eine Erkenntnis: Ein Erfolg in der „Hölle Nord“, wie die Campushalle wegen der ohrenbetäubenden Lautstärke des fanatischen Publikums genannt wird, ist nicht so ohne weiteres auf dem Reißbrett planbar. Nicht einmal dann, wenn man die besten Spieler Europas zusammenmixt.

Der Flensburger Sieg war der Triumph einer eingespielten Mannschaft, die sich fortwährend gegenseitig motivierte. Der Gegner war, wie THW-Manager Uwe Schwenker zugestand, von Beginn an „mit viel mehr Biss und Bereitschaft in das Spiel gegangen“. Vor allem der norwegische Kreisläufer Johnny Jensen personifizierte diese wilde Entschlossenheit. Bereits in der ersten Halbzeit, als die SG schnell auf 9:5 davonzog, machte seine beängstigende Präsenz den Unterschied. „Wir wollten es ihnen zeigen, dass wir nicht abgeschrieben werden dürfen“, sagte der gelernte Zimmermann in Anspielung auf Flensburgs überraschende Auswärtsniederlage in Großwallstadt. Als er in der 51. Minute sich erneut durchgekämpft hatte und sein siebenter Treffer zum 33:25 das Spiel endgültig entschied, lief er mit bedrohlicher Gestik Richtung THW-Bank und schrie seine Emotionen heraus.

„Das war nur ein Gruß aus Flensburg“, sagte Jensen. Auf diese Wucht aufbauend, gelangen dem Linksaußen Lars Christiansen am Ende der Partie noch zwanzig Sekunden fürs Handball-Lehrbuch. Zunächst flog er mit Sprungkraft eines Hochspringers in den Kreis und schloss den von Lackovic eingeleiteten Kempa-Trick ab. Dann, als Schlussmann Jan Holpert den Kieler Gegenstoß pariert hatte, täuschte er ein langes Anspiel auf den gestarteten Sören Stryger an – und warf, als Kiels Torhüter Henning Fritz auf den Pass spekulierte, den Ball aus über 25 Metern ins freie Tor. Das Publikum feixte und grölte. Diese entwürdigende Szene für Fritz, den „Welthandballer des Jahres“, dürfte die Revanchegelüste der Kieler noch zusätzlich anheizt haben. Bereits morgen (20 Uhr, live im DSF) stehen sich beide Teams im Pokal gegenüber – in Kiel.

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