Sport : Aus Blech wird Gold

Mechaniker ermöglichen Siege bei den Paralympics

Annette Kögel[Athen]

Der Fuß von Brad Ness ist ausgelatscht: die Zehen abgeschliffen, die Sohle zerfetzt. Vier Jahre laufen und intensives Training hinterlassen Spuren. Jetzt sitzt der 29-jährige australische Rollstuhl-Basketballer im Servicecenter des Paralympischen Dorfes in Athen, und Mechaniker Hendrik Behnsen befestigt seinen neuen Fuß mit einem Sechskantschlüssel an der Beinprothese. Rund 500 Euro ist das neue Stück wert – hier in der Paralympics-Werkstatt gibt es sie gratis. Was für sensible Menschen auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen mag, ist für die Orthopädietechniker von Otto Bock Routine: Seit den Paralympics 1988 in Seoul ist die Spezialfirma aus Duderstadt exklusiver Servicepartner der Paralympischen Spiele.

In einem weißen Zelt oben auf dem Hügel in der mit Maschendraht geschützten Olympischen Wohnanlage ist eine komplette Werkstatt eingerichtet: Fräs- und Schleifmaschinen, Sattlernähmaschine, Werkbänke, Vorrichtungen zum Aufbocken von Rollstühlen. Es riecht nach Plastik, Leim und Lösungsmittel. Die 23-jährige Jana Hentsch aus Berlin gehört zu den Mitarbeitern, die sich für den unter Berufskollegen begehrten Einsatz bei den Spielen beworben haben; gerade repariert sie das Stützbein des iranischen Sitzvolleyballers Jalil Eimery. 17 Orthopädietechniker aus ganz Europa sind im Schichtbetrieb von 7 Uhr morgens bis 23 Uhr nachts beschäftigt. „Die haben schon bei der ein oder anderen Goldmedaille kräftig geholfen“, sagt Basketballer Brad Ness. Er hat Unterschenkel und Fuß bei einem Arbeitsunfall an Deck eines Schiffes verloren, als ein Seil sich herumwickelte und seinen Körper zerriss.

Mehr als 1500 Reparatur-Einsätze hat das Team um Werkstattleiter Kevin Harney nach der Hälfte der Spiele geleistet; jeder wurde mit Formblatt plus Foto dokumentiert. Zur Kundschaft gehörte auch Michael Teuber. Der deutsche Bahnradfahrer hatte seine Orthesen – so nennt man technische Hilfsmittel aus Blech oder Plastik, die vorhandene Körperteile unterstützen – durch hartes Training so strapaziert, dass sie wegbrachen. Vor dem Wettkampf mussten die Mechaniker eine Nachtschicht einlegen. Am nächsten Morgen holte Teuber dann in der 3000-Meter-Verfolgung Gold und fuhr Weltrekord.

„Die meisten Einsätze haben wir wegen Rollstühlen mit Plattfuß“, sagt der gebürtige Engländer Kevin Harney. Wegen der hohen Bordsteine in Athen entstehen oft Schäden. Auch an den einzelnen Sportstätten haben die mobilen Teams gut zu tun. 107 Mechaniker stehen bei den Paralympics insgesamt bereit. Besonders in der Tennishalle gibt es viel zu tun. „Da ist der Boden wie Schmirgelpapier“, sagt Harney. Aus Deutschland mussten jetzt Spezialschläuche und Mäntel als Ersatz geordert werden, das Lager für die Rollstuhl-Reparaturen ist leer. Auch Leihrollstühle sind im weitläufigen Paralympischen Dorf begehrt. Manch einer ist aber schon mit einer neuen Schnalle zufrieden. Wie Alice Wamucha Kibni aus Kenia. Ihren Rollstuhl hat die Basketballerin „von der Kirche bekommen“, aber jetzt ist ihre Beinprothese defekt.

„Vor Beginn standen die Leute vor allem aus den Schwellenländern draußen an, um sich auf den neuesten Stand der Technik oder auf Wettkampfniveau zu bringen“, erzählt Kevin Harney. Viele der Sportler kennt der Mechaniker schon aus Sydney, aus Atlanta, aus Barcelona. In der Werkstatt hängt ein Plakat aus Kuba, und ein Marokkaner hat einen Geldschein kunstvoll zu einem Hemd gefaltet – es sind kleine Dankeszeichen der Sportler. Auch Brad Ness, der in Italien als professioneller Basketballspieler lebt, hinterlässt ein kleines Geschenk. „Hier, Jungs, das ist mein Original-Trainingstrikot“, sagt er zu den Mechanikern. „Ihr müsst es nur noch einmal waschen.“

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