Sport : Aus dem Gleichgewicht

Vor dem Schottland-Spiel erkennt Holland verzweifelt: Die Nationalelf ist gar nicht so gut wie alle dachten

Stefan Hermanns

Amsterdam. Holland wankt, Holland taumelt, und Andy van der Meyde ist schon umgefallen. Bei einem Fernsehinterview wurde dem Rechtsaußen der holländischen Fußball-Nationalmannschaft plötzlich schwarz vor Augen, er kippte gegen einen Lautsprecher und fiel dann zu Boden. „Blackout“, murmelte er, als er sich wieder aufgerappelt hatte. Mit solchen Gleichgewichtsstörungen hat van der Meyde schon häufiger zu tun gehabt. Die Ärzte jedenfalls verkündeten bereits kurze Zeit später, es sei nichts Ernstes, van der Meyde werde am Mittwoch im entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Schottland mitwirken können (20.30 Uhr, live im ZDF).

Bei der holländischen Nationalmannschaft allerdings zeigt sich immer deutlicher, dass deren Gleichgewichtsstörungen nicht vorübergehender Natur sind. Nach dem 0:1 gegen die Schotten im Hinspiel glauben nur noch 40 Prozent der Holländer, dass sich ihre Nationalmannschaft noch für die Europameisterschaft in Portugal qualifiziert. Die öffentliche Meinung hat in den vergangenen Tagen eine rasante Entwicklung erlebt: Von überzeugtem Optimismus vor dem Hinspiel ist die Stimmung ohne Zwischentöne in totale Verzweiflung umgeschlagen.

„Eine Versammlung überschätzter Fußballer“, hat die Zeitung „Het Parool“ am Samstag in Glasgow im Nationaltrikot ausgemacht. Die „Volkskrant“ will „eine Mannschaft im Zustand der Verwesung“ gesehen haben. Dazu passt die Nachricht, dass zehn Spieler nach der Niederlage noch um drei Uhr in der Nacht bei einer Party im Amsterdamer Hafen aufgetaucht sein und dort bis zum Morgengrauen gefeiert haben sollen. Selbst wenn Holland heute mit zwei Toren Unterschied gegen die Schotten gewinnen sollte und damit das peinliche Ausscheiden verhindert – so recht glaubt in den Niederlanden niemand mehr, dass diese Mannschaft noch einmal das Versprechen einlöst, das sie vor langer Zeit gegeben hat.

Aus dem goldenen Jahrgang, der 1995 mit Ajax Amsterdam die Champions League gewonnen hat, ist in den Medien fast über Nacht eine „net-niet-generatie“ geworden, eine Nicht-ganz-Generation. Selbst Bondscoach Dick Advocaat scheint inzwischen von tiefen Zweifeln ergriffen worden zu sein. Dass er im Fall des Scheiterns sein Amt aufgibt, ist längst bekannt; nun aber gibt es sogar Zeichen dafür, dass er auch dann zurücktritt, wenn seine Mannschaft die Qualifikation doch noch schafft. Als er zwei Tage vor dem Spiel auf diese Variante angesprochen wurde, verweigerte Advocaat eine klare Antwort: „Das ist jetzt nicht relevant.“

Advocaat ist als Bondscoach längst gescheitert, und sein mattes Gesicht verrät, dass er das vermutlich selbst weiß. Seine letzten Maßnahmen sind nur noch ein untauglicher Versuch, das nachzuholen, was er in zwei Jahren versäumt hat: der Mannschaft eine Struktur zu geben. „Was Oranje fehlt, ist ein Chef, jemand der unumstritten ist“, hat der verletzte Ronald de Boer am Wochenende gesagt. „Wenn man die Spieler ohne Trainer in ein Zimmer sperrt, würden sie sich mit Sicherheit nicht auf eine Aufstellung einigen können, 18 von den 20 finden wahrscheinlich, dass sie spielen müssen.“

Für das Rückspiel gegen die Schotten hat Advocaat nun den 25 Jahre alten Wilfred Bouma und den 19-jährigen Arjen Robben vom PSV Eindhoven nachnominiert. Bouma hat gute Chancen, ebenso in der Anfangself zu stehen wie Rafael van der Vaart (20) und Wesley Sneijder (19). Doch der Generationswechsel kommt für die EM im nächsten Sommer wahrscheinlich zu spät. Zu lange hat Advocaat an den satten und verwöhnten Egoisten festgehalten. Die Mannschaft, die in Glasgow auf dem Feld stand, war mit einem Durchschnittsalter von knapp 30 Jahren die älteste holländische Nationalmannschaft aller Zeiten.

Der letzte Optimismus ist in Wirklichkeit nichts anderes mehr als die Abwesenheit von Skepsis. „Die Qualifikation ist noch immer keine Unmöglichkeit“, sagt Johan Cruyff. Schon in der vergangenen Woche – vor dem Hinspiel – hat das Magazin „HP/De Tijd“ das Szenario für den heutigen Abend genau beschrieben: wie der Abpfiff des Schiedsrichters in der Amsterdam Arena von den Pfiffen der Zuschauer übertönt wird, wie Advocaat noch in der Pressekonferenz seinen Rücktritt erklärt und wie sich ihm dann eine ganze Reihe von Spielern anschließt.

Für das Hinspiel hatte die Zeitschrift einen knappen Sieg der Schotten vorhergesagt.

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