Sport : Aus dem Knast an die Macht

STEFAN LIWOCHA

Promoter Don King / Serie über Manager des US-SportVON STEFAN LIWOCHA LAS VEGAS.Es ist stets dieselbe Zeremonie.Wenn zwei Schwergewichte um die WM-Krone boxen, betritt zunächst der gewichtige Mann mit der Starkstromfrisur den Ring.Der Hallensprecher kündigt ihn vollmundig als Mister "only in America" Don King an und die Zuschauer begrüßen den Box-Promoter mit gellenden Pfiffen.King setzt sein breites Grinsen auf und stolziert selbstbewußt über die Bretter, die für ihn Millionen bedeuten.Für den Tycoon zählen nur Macht und Reichtum.Nie war er auf Liebesbeweise der Fans aus.Stolz zeigt der Mann aus dem Ghetto den Lorbeer, den er sich im harten Boxgeschäft verdient hat.King trägt ein riesiges Diamantenkreuz um den Hals und Ringe von der Größe der Eiswürfel im Whiskyglas.Das macht Eindruck. "Pioniergeist und Zähigkeit" nennt der 66jährige als Tugenden, die ihn in diesem Haifischgeschäft nach oben führten und dort überleben lassen.Für den gefürchteten Maestro ist Boxen ein Business, in dem man "soviele Messer ins Kreuz kriegt, bis man wie ein Stachelschwein aussieht".Für seine Gegner vereint King hemmungslose Habgier sowie rücksichtslose Bauernschläue.Doch insgeheim bewundern sie den weltweit führenden Box-Promoter, den Magazine gerne als "Amerikas talentiertesten Räuberbaron" bezeichnen. Angezählt wurde der Impressario von der Justiz schon oft, doch K.o.ging King in seiner 25jährigen Berufslaufbahn noch nicht.Er wurde vom FBI überwacht, wegen Steuerhinterziehung und Versicherungsbetrug mehrfach angeklagt sowie beschuldigt, Verbindungen zur Cosa Nostra zu unterhalten.Am Ende verließ der Koloß (1,92 Meter, 100 Kilo) den Gerichtssaal immer mit seinem weißen Lächeln.Einer wie er ist hart im Nehmen.Erworben im schwarzen Ghetto von Cleveland (Ohio). Als fünftes von sieben Kindern einer Arbeiterfamilie verdiente King seine ersten Dollar als Laufbursche eines Hühnermetzgers.Zudem verkaufte er Erdnüsse und Kuchen in Spielhöllen und Wettbüros.Später baute er sich einen blühenden Handel mit Losen und Lotteriescheinen auf.Die amerikanische Karriere wurde 1967 allerdings jäh unterbrochen.Vier Jahre lang saß King wegen Totschlags in einem Gefängnis von Ohio.Im Streit hatte er seinen Partner Sam Garrett erschlagen.Im Knast studierte er Wirtschaft und Jura und verschlang Werke von Kant, Sokrates und Shakespeare."Dort", sagte der Promoter einmal, "habe ich mich mit Weisheit und Wissen bewaffnet." Aus dem Gefängnis kehrte King als ehrgeiziger Machtmensch zurück und landete 1974 seinen entscheidenden Coup: Er veranstaltete den legendären WM-Kampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman in Kinshasa ("Rumble in the Jungle").Später folgten unvergessene Kämpfe: Ali gegen Frazier ("Thriller von Manila"), Douglas gegen Tyson (Tokyo), Holmes gegen Norton und Holyfield gegen Tyson (beide Las Vegas).Überall zog Promoter King die Fäden.1994 wurde der Vater dreier Kinder von den beiden Weltverbänden WBC und WBA zum "Promoter des Jahrhunderts" gekürt.Bei der Auszeichnung ging es wohl weniger darum, daß es King glänzend versteht, seine Leute gnadenlos über den Tisch zu ziehen.Die Liste der Profis, die sich über falsche Abrechnungen, Knebelverträge und Hungerlöhne beklagen, ist endlos.Der gerissene Wuschelkopf hat inzwischen soviele Boxer unter Vertrag, daß er sie ganz nach Belieben einsetzen kann.King bestimmt Preise und Gewinne - er ist die Börse.Zudem verstand es der 66jährige, als erster die modernen Kommunikationsmittel zu nutzen.Über seine Firma "King Productions" vermarktete er die Kämpfe im Pay-TV und erschloß somit eine neue, sprudelnde Geldquelle.King soll durch seine Boxgeschäfte 300 Millionen Dollar verdient haben. Vor angehenden Juristen der Harvard Universität verkündete er unlängst seinen Leitsatz: "Geld ist die Antwort auf alles - also geht und macht Geld." Show gehört für den Meister des überflüssigen Wortes zum Geschäft.Aufgeputzt wie der Conferencier eines Vorstadtkabaretts steht King liebend gerne vor der Weltpresse.Wie ein Marktschreier wirbt er dann in höchst unterhaltsamer Form für den jeweiligen Kampf und streut dabei gern klassische Zitate ein.Die Monologe des gläubigen Box-Predigers sind immer furchtbar lang."King hat die einzigartige Gabe", meinte ein US-Reporter, "nie zu wissen, wann er den Mund zu halten hat."

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