Sport : Aus dem Sand gezaubert Schachmeister Anand brilliert an der Nordsee

Martin Breutigam

Wijk aan Zee - In dicken Mänteln stiefeln die Männer gedankenversunken durch den Sand. Der morgendliche Strandspaziergang gehört beim Schachfestival im niederländischen Wijk aan Zee genauso dazu wie die Erbsensuppe, die alle Großmeister am letzten Tag des Wettbewerbs gemeinsam löffeln werden. Auch in diesem Jahr sind die besten Schachspieler in den kleinen Badeort gekommen, um an dem Traditionsturnier „Corus Chess“ teilzunehmen. Und wenn sie morgens bei Meeresrauschen noch einmal alle Eröffnungsvarianten durchdenken, die am Mittag aufs Brett kommen könnten, flitzen vermutlich mehr Züge durch ihre Köpfe als Sandkörner in eine Hand passen.

Eine moderne Partie beginnt ja im Grunde erst jenseits des 20. Zuges, trotz der nahezu unendlichen Möglichkeiten im Schach. Die Tricks und Manöver davor sind irgendwann schon einmal gespielt worden. Vielleicht hat Viswanathan Anand sogar das zweifache Figurenopfer, mit dem er den ukrainischen Jungstar Sergej Karjakin überrascht, schon zu Hause analysiert gehabt. Im 24. Zug setzt der Inder seinen Springer nach c7, erhebt sich, zieht die graue Stoffhose übers Bäuchlein und flüstert dem vorbeischlendernden Kollegen Lewon Aronjan lächelnd etwas zu. Auch Weltmeister Wesselin Topalow bleibt stehen und schaut sich den erstaunlichen Zug an.

„Ich dachte zunächst, ich muss Springer c7 spielen, sonst bin ich verloren“, sagt Anand zu Karjakin während der Nachbetrachtung in einem Hinterzimmer. Von Verlustgefahr kann in Wirklichkeit keine Rede sein; Anands gefährlich weit vorgerückter b-Bauer scheint Karjakins König die Luft zum Atmen zu nehmen. „Was sagt denn der Computer?“, ruft Anand in den Raum. Nach einiger Zeit bestätigt der Computer den Menschenverstand: Anands Opfer hätten selbst bei perfekter Verteidigung zum Sieg geführt. Der WM-Zweite hat gleich in der ersten Runde ein kleines Kunstwerk geschaffen.

Wie jedes Jahr finden neben den drei Großmeisterturnieren auch diverse kleinere Turniere in Wijk aan Zee statt. Bis Ende Januar grübeln Weltmeister und Amateure noch unter einem Dach. Tag für Tag drängen hunderte Hobbyspieler und Kleinmeister in die schlichte Turnhalle. Anand ist inzwischen ins Hotel verschwunden. Erst am nächsten Morgen sieht man ihn vielleicht wieder – am Strand.

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