Sport : Aus dem Tschad in den Pott

Sosthene Moguenara ist plötzlich WM-Favoritin.

Reinhard Sogl
Weite Flüge. Sosthene Moguenara sprang am Freitag 7,04 Meter. Foto: dpa
Weite Flüge. Sosthene Moguenara sprang am Freitag 7,04 Meter. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Weinheim - Als die Weite von 7,04 Metern ans Ohr des Weinheimer Stadionsprechers gedrungen war, geriet der gute Mann schier aus dem Häuschen. Mit sich fast überschlagender Stimme rief er ins Mikrofon, dass die Kanadierin Christabel Nettey gerade die Marke von sieben Metern übertroffen habe. Um sich dann zu korrigieren: „Natürlich ist Sosthene Moguenara diese Weite gesprungen.“

Sein Irrtum ist bezeichnend: Mit Dimensionen, in die als letzte Deutsche Heike Drechsler 1998 vorgedrungen war, hat selbst die interessierte Öffentlichkeit den Namen der Weitspringerin aus Wattenscheid nicht verbunden. Zumindest bei der Generalprobe eine Woche vor der WM in Moskau auch die Deutsche Meisterin selbst nicht, die durch die Verbesserung der persönlichen Bestleistung um 16 Zentimeter unversehens zur Medaillenkandidatin wurde. „Es kommt mir immer noch vor, als würde ich schlafen und einfach nicht aufwachen. Ich kann es nicht fassen“, sagte die 23-Jährige zahlreiche Freudensprünge und noch mehr Umarmungen später.

Immer wieder schlug Sosthene Moguenara ungläubig die Hände vors Gesicht, nachdem sie sich hinter Olympiasiegerin Brittney Reese aus den USA (7,27 Meter) auf Rang zwei der Jahresweltrangliste und auf Position fünf der ewigen deutschen Bestenliste katapultiert hatte. „Sieben Meter waren immer im Hinterkopf. Es hat sich top angefühlt und einfach alles gepasst: Anlauf, Absprung, Landung“, kommentierte sie ihr Werk. „Das war der perfekte Sprung. Das ist der Grund, weshalb man trainiert.“

Weniger überrascht zeigten sich die Trainer vom Leistungssprung der ehemaligen Sprinterin, deren große Schwäche es bislang war, die Anlaufgeschwindigkeit optimal umzusetzen. „Endlich hat sie mal alles zum Balken gebracht. Das ist keine utopische Leistung, sondern entspricht ihrem Niveau“, sagte Heimtrainer André Ernst. „Es hat sich angedeutet. Sie hatte schon viele Sprünge in dieser Region, die aber ungültig waren“, ergänzte Bundestrainer Uli Knapp. „Die 7,04 Meter sind galaktisch. Aber dass sie es springen kann, war uns klar“, assistierte der frühere Europameister Christian Reif. Als Trainingspartner weiß Reif ihre Fähigkeiten einzuschätzen. Seit einigen Monaten übt Sosthene Moguenara regelmäßig am Stützpunkt Saarbrücken.

Der temporäre Tapetenwechsel ist für Moguenara kein großes Ding. Sie hat schließlich schon einen ganz anderen Umzug hinter sich. Am 17. Oktober 1989 im Tschad geboren, machte sie sich im Alter von neun Jahren auf zu einem Besuch der Schwester ihrer Mutter, die in Essen lebte. Zwei Monate wollte sie in Deutschland bleiben, doch inzwischen wurden aus der Stippvisite 14 Jahre. Ihre Tante heiratete einen deutschen Mann und nahm die Nichte als Adoptivtochter an. Der Ruhrpott ist längst zur Heimat geworden für Moguenara, die zu ihren leiblichen Eltern im Tschad regelmäßig Telefonkontakt hält. Den schon lange angedachten Besuch hat sie immer wieder verschoben, nicht aber aufgehoben. „Ich investiere sehr viel Zeit in mein Training“, sagt sie.

Der Aufwand beginnt sich auszuzahlen. Sie habe ihre Sprungkraft verbessert und ihre Technik in der Luft und bei der Landung. Außerdem habe sie ihre Ernährung umgestellt und fünf Kilo Gewicht verloren. Deshalb habe sie ihre 2012 aufgestellte Bestleistung von 6,88 Metern deutlich steigern können. Die Weite im vergangenen Sommer hatte bereits Medaillenhoffnungen bei der EM geweckt. In Helsinki sprang sie dann um einen Zentimeter an Bronze vorbei. Eine noch größere Enttäuschung folgte bei Olympia in London, wo sie in der Qualifikation scheiterte.

Die Negativerfahrungen lassen sie auch vorsichtig bleiben im Hinblick auf Moskau. „Ich blende die sieben Meter erst mal aus und bleibe schön auf dem Teppich. Das Finale ist das Ziel.“ Um hinzuzufügen: „Sollte ich den Endkampf erreichen, riskiere ich alles und dann gucke ich mal, was dabei rauskommt.“ Reinhard Sogl

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