Sport : Aus der Bahn

Anni Friesinger stürzt bei der Eisschnelllauf-WM in Inzell über 3000 Meter, während ihre größte Rivalin Claudia Pechstein Silber gewinnt

Frank Bachner[Inzell]

Auf der Zielgeraden flog ein roter Teddybär aufs Eis. Anni Friesinger bückte sich etwas mühsam, hob ihn auf, winkte kurz zum Publikum und fuhr dann von der Bahn. Der Teddybär war ein Trostpreis. Er sollte die Schmerz lindern. Anni Friesinger, eine der Medaillenkandidatinnen bei der Eisschnelllauf-WM in Inzell über 3000 m, kam gerade bis zur zweiten Kurve. Dann stürzte sie, flog in die Bande und knallte dann ihre Faust auf die Bahn. Ende aller Hoffnungen. Im Krankenhaus stellten die Ärzte eine Kapselverletzung am Zeigefinger der rechten Hand fest.

Ein paar Minuten nach Friesingers Sturz flog noch ein Teddybär aufs Eis. Ein holländischer Fan hatte ihn geworfen. Diesmal hob ihn Claudia Pechstein auf. Und diesmal sollte das Plüschtier ein bisschen auch Triumph symbolisieren. Denn Pechstein, die Weltmeisterin von 2004 über diese Strecke, hatte Silber gewonnen, nach Trainingsrückstand, geschwächt durch eine leichte Grippe. Gold holte die Kanadiern Cindy Klassen, wie schon einen Tag zuvor über 1500 m. Cindy Klassen (4:10,37) war rund eine halbe Sekunde schneller als Claudia Pechstein (4:10,89).

Das Rennen sollte eigentlich ein Duell sein, Pechstein gegen Friesinger, Rivalinnen unter sich, Sportlerinnen, die sich auf eine Art verbalen Waffenstillstand geeinigt haben, aber sich immer noch misstrauisch beäugen. Stattdessen wurde es die Antwort der Claudia Pechstein an Helmut Kraus. Kraus ist der Chef-Bundestrainer des deutschen Verbands, Claudia Pechstein kritisiert ihn seit Wochen, sie fühlt sich von ihm mangelhaft unterrichtet und auf linke Art ausgebootet aus dem Teamwettbewerb. „Sicher ist es eine Antwort“, sagte sie. „Es ist immer gut, mit sportlichen Leistungen zu antworten.“

Dann kam gleich die nächste Antwort. „Ich laufe auf keinen Fall im Teamwettbewerb“, sagte sie. Das Team läuft heute. Friesinger war gerade im Krankenhaus, als Pechstein das sagte. Friesingers Finger wurde untersucht, es gab den Verdacht auf einen Bruch. Ihr Finger kommt zwar in Gips, aber der wird heute durch eine Manschette ersetzt und Anni Friesinger kann aufs Eis gehen. Pechstein sagte hingegen, sie fühle sich nicht fit genug für den Teamwettbewerb, sie müsse sich schonen für die 5000 m am Sonntag.

Claudia Pechstein lässt sich im Moment nicht reduzieren auf sportliche Nachrichten. Der Streit mit Kraus, die Auseinandersetzung mit dem Verband, das begleitet sie automatisch. Und es begleitet andere. „Ich hätte das Ganze intern geregelt“, sagte Anni Friesinger nach ihrem Lauf über 1500 m. „Die öffentliche Diskussion belastet die ganze Mannschaft.“

Claudia Pechstein straffte kurz ihren Oberkörper, als sie diesen Satz hörte. „Natürlich belastet das die Mannschaft“, sagte sie. „Aber Herr Kraus hat damit begonnen, über die Medien zu gehen. Und ich wehre mich dann halt auch öffentlich.“ So entsteht die kuriose Situation, dass sich die erfolgreichste Olympiasportlerin von Deutschland und der Chef-Bundestrainer der deutschen Eisschnellläufer bei dieser WM permanent über den Weg laufen, aber nicht miteinander reden. Hat es hier in Inzell wenigstens ein kurzes Gespräch gegeben? „Nein“, sagte Claudia Pechstein knapp.

Dann geht ihr das Thema doch auf die Nerven. „Ich habe gerade Silber gewonnen, wir wollen doch nicht bloß über den Streit reden.“ Sie redet jetzt zum Beispiel lieber über ihren Urlaub. Der beginnt für sie am Montag, nach der Weltmeisterschaft in Inzell.

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