Sport : Aus der Balance

Formel 1: In China reißt Vettels Siegesserie, der trotz vieler Probleme noch Zweiter hinter Hamilton wird

Karin Sturm[Schanghai]

Ein bisschen durfte sich Sebastian Vettel doch wie ein Sieger fühlen. Zwar musste sich der Formel-1-Weltmeister beim Großen Preis von China in Schanghai fünf Runden vor Schluss Lewis Hamilton im McLaren-Mercedes geschlagen geben und kam nach saisonübergreifend vier Siegen in Folge diesmal nur auf Rang zwei ins Ziel. Bei den vielen Problemen, mit denen der 23-Jährige in diesem Rennen zu kämpfen hatte, „war das dennoch ein Riesenerfolg und eine Superleistung“, wie Helmut Marko erklärte. Dann klärte Red Bulls Sportdirektor auf: Sein Pilot habe schon am Start nicht die vollen Zusatz-PS des Kers-Systems zur Verfügung gehabt, so dass ihn beide McLaren überholten. Dann habe Kers immer wieder nicht funktioniert, das habe die Bremsbalance verändert. Dadurch habe sich Vettel einen sogenannten Bremsplatten geholt, erzählte Marko weiter. Weil auch Vettels Boxenfunk nicht richtig funktionierte und sein Team ihn nicht hörte, „konnten wir das Ausmaß des Problems nicht schnell genug feststellen und die Strategie von zwei auf drei Stopps umstellen“.

So nahm Vettel dann auch noch vor der Siegerehrung seinen Bezwinger Hamilton freundschaftlich in den Arm und freute sich auch selbst über seinen zweiten Platz. „Ich glaube, ich kann absolut zufrieden sein“, sagte der Heppenheimer. „Es war aus verschiedenen Gründen für uns heute kein einfaches Rennen. Ich glaube, wir haben deshalb allen Grund zur Freude.“ Sicher sei es im Nachhinein einfach zu sagen, „das und das war vielleicht verkehrt, das und das hätte hier man anders machen müssen. Aber ich glaube, ein zweiter Platz ist in Hinblick auf die Strategie heute kein Untergang.“

Bis kurz vor Schluss hatte der bisherige Saisondominator Vettel trotz der Widrigkeiten das Rennen angeführt. Doch als Verfolger Hamilton nach seinem dritten Stopp mit wesentlich frischeren Reifen immer näher kam, war ihm schnell klar, dass er auf verlorenem Posten kämpfte. „Es waren noch sieben Runden“, sagte Vettel. „Da war es ziemlich offensichtlich, dass es kaum reichen würde.“ Eineinhalb Runden wehrte sich der 23-Jährige dennoch nach Kräften und hoffte, „dass seine Reifen vielleicht auch recht rasch abbauen“. Doch dann siegte der Verstand, und Vettel begnügte sich mit Platz zwei und der Verteidigung seiner Führung in der WM-Wertung, in der er immer noch deutlich vor Hamilton liegt. „Mir war ziemlich klar, dass ich mir selbst ins Bein schieße, je länger ich versuche, dagegenzuhalten. Denn noch eine Runde länger, und Mark wäre vorbeigekommen.“ Vettel meinte seinen Teamkollegen Mark Webber – der fuhr nach einem völlig verpatzten Qualifying von Startplatz 18 noch auf Rang drei vor.

Lewis Hamilton erlebte seine größte Schrecksekunde schon vor dem Start. Sein Auto wollte in der Box nicht anspringen, weil Benzin übergelaufen und in den Lufteinlass geraten war. Die McLaren-Mechaniker schafften es aber gerade noch rechtzeitig, den Wagen wieder zum Laufen zu kriegen. „Für mich war es das Wichtigste, in dieser Situation die Ruhe zu bewahren und den Wirbel und die Panik nicht an mich heranzulassen“, sagte Hamilton. Auch im Rennen behielt der Engländer die Nerven, der in der Vergangenheit mit seinem aggressiven Fahrstil häufig schon früh seine Reifen ruiniert hatte. Diesmal wurde er vom Team per Funk immer wieder daran erinnert, zwar schnell zu fahren, aber auch die Reifen zu schonen. Das gelang ihm, und so verkündete Hamilton nicht ohne Stolz: „Es war eines meiner besten Reifenrennen in diesem Jahr.“

Den Aussetzer des Tages lieferte Hamiltons Teamkollege Jenson Button, der knapp als Vierter vor dem sehr starken Nico Rosberg im Mercedes durchs Ziel fuhr. Button bog bei seinem ersten Stopp direkt vor Vettel versehentlich in die Red-Bull-Box ab. „Vielleicht hätten wir seine Räder runternehmen und ihn dann stehen lassen sollen“, sagte Vettels Teamchef Christian Horner grinsend. „Aber ich glaube kaum, dass Sebastian bei McLaren abgefertigt worden wäre.“

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