Sport : Aus der Balance

Huub Stevens sollte Hertha zu Titeln führen – aber er hat nie den richtigen Draht zum Team gefunden

Michael Rosentritt

Berlin. Als Jürgen Röber noch Trainer bei Hertha BSC war, sagte er mal: „Meine Stärke als Trainer ist es, dass ich aus jedem Spieler einen etwas besseren Spieler mache.“ Mit einer Zweitligamannschaft, die hauchdünn den Abstieg in die dritte Liga verhindert hatte, stürmte Röber in die Bundesliga und landete kurz darauf in der Champions League. Im Sommer des vergangenen Jahres wurde Huub Stevens geholt, weil man ihm das zutraute, was man Röber nicht mehr zugetraut hat. Mit Stevens sollte eine neue Entwicklungsstufe eingeleitet werden. Stevens sollte Hertha zu Titeln führen. So, wie Stevens das beim FC Schalke 04 gelungen war.

Die Euphorie in Berlin kannte im Sommer 2002 kaum Grenzen. 16 Monate später ist festzustellen, dass irgendetwas schief gelaufen ist.

Die Bilanz von Huub Stevens ist nicht gut. An seinem Training ist in Sachen Intensität und Umfang fast nichts zu bemängeln. Er ist bis heute mit Enthusiasmus und Engagement dabei. Stevens ist ein akribischer, fast schon besessen arbeitender Trainer. Über jeden einzelnen Spieler hat er umfangreiches Datenmaterial gesammelt und in seinen Laptop eingegeben. Es ist eine Fülle von Fakten. Bis hin zu den Geburtstagen der Spielerfrauen. Aber es gibt auch etwas neben Sprintvermögen, Schusskraft und Laktatwerten, das noch eine Rolle spielt. Fußballspieler sind Menschen, Menschen mit Gefühlen. Das hat Stevens zwar nie bestritten, nur hat er dafür nie die passende Software gefunden. Vermutlich ist das der Grund, warum es zwischen Trainer und Mannschaft ein grundlegendes kommunikatives Problem gibt.

Natürlich wurde auch unter Stevens viel gelacht auf dem Trainingsplatz. Aber es wirkte aufgesetzt. Seine flapsige, bisweilen patzige Art steht ihm im Weg. Seine Körpersprache wirkt oft ablehnend. Schon relativ früh hatte er signalisiert, dass er die halbe Mannschaft für untauglich hält. Er wollte zu früh, zu viel umkrempeln. Viele Spieler haben darunter gelitten. Dabei hatten sie doch gedacht, viel von Stevens lernen zu können.

Der Fußball, den die Mannschaft von Huub Stevens in der vergangenen Saison spielte, sah nach Arbeit aus, selten nach Spaß. Dennoch blieb Manager Dieter Hoeneß von den Fähigkeiten des Trainers uneingeschränkt überzeugt. Stevens blieb für ihn der Garant dafür, dass sich der Verein sportlich dahin entwickelt, wo Hoeneß ihn irgendwann sehen will. Noch im Sommer glaubte Hoeneß, dass sich die Spieler nach dem ersten gemeinsamen Jahr an den Trainer, an seine Wortwahl und seine Art gewöhnt hätten. „Sie wissen jetzt, was er verlangt.“

Die Realität sieht anders aus. Stevens’ System hat niemand verstanden. Seine Fußballphilosophie basiert auf Begriffen wie Balance und Organisation. Das erreicht man nur über Spielen und Reden. Erreicht wurde weder das eine noch das andere. Kein Spieler konnte sich sicher sein, dass er spielt. In den neun Spielen der Saison schickte Stevens neun verschiedene Formationen aufs Feld. Wie gefährlich das für eine verunsicherte Mannschaft ist, hat sie oft bewiesen.

Losgelöst von taktischen und technischen Raffinessen, von Daten, Fakten und psychologischen Kniffen – unter Stevens hat sich kein Spieler von Hertha weiterentwickelt. Im Gegenteil. Spielten die Berliner unter Röber oft an der oberen Grenze ihres Leistungsvermögens, so tun sie das jetzt an der Grenze zum Unvermögen. Das ist auch eine neue Entwicklungsstufe. Eine, die niemand wollte.

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