Sport : Aus der Drüse eines Moschushirschen

Drei weitere Fußballerinnen von Nordkorea sind positiv auf Doping getestet worden. Fifa-Chef Blatter reagiert geschockt, der nordkoreanische Verband mit abenteuerliche Erklärungen

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Ein Dopingmittel? Dieser Moschushirsch findet in Nordkorea als Medizin Verwendung Foto: mauritius images
Ein Dopingmittel? Dieser Moschushirsch findet in Nordkorea als Medizin Verwendung Foto: mauritius imagesFoto: mauritius images

Es hatte schon seinen Grund, warum Joseph Blatter ganz außen am mit einem schwarzen Tuch verhängten Podium auch Michel D’Hooghe und Jiri Dvorak platziert hatte. Die beiden honorigen Herren kümmern sich in ihren Eigenschaften als Leiter der medizinischen Kommission (D’Hooghe) und Chefmediziner (Dvorak) im Weltverband Fifa um ganz spezielle Fragen, und nachdem der Präsident in einem Luxushotel in Frankfurt am Main seiner Glückseligkeit über die Frauen-WM Ausdruck verliehen hatte, kam er schnell zur Sache: „Die Fifa ist konfrontiert mit Doping.“ Und zwar mit einer neuen Dimension des Betrugs, denn der Verdacht hat sich erhärtet, dass im nordkoreanischen Frauenfußball systematisch manipuliert wird. War bislang von zwei positiven Fällen im rätselhaften Team die Rede – im Urin von Song Jong Sun und Jong Pok Sim waren verbotene Substanzen gefunden worden –, so sind nun drei weitere positive B-Proben aufgetaucht. Das Manipulationsmittel: anabole Steroide der Gruppe S1B, die zuvorderst dem Muskelaufbau dienen und eigentlich nur noch der Renner unter hirnlosen Bodybuildern im Fitnessstudio sind.

D’Hooghe und Dvorak schilderten detailliert das Vorgehen der Kontrolleure, die nach den ersten Verdachtsfällen nach den Spielen gegen die USA (28. Juni) und gegen Schweden (2. Juli) die nordkoreanische Delegation 15 Minuten vor dem Abpfiff des letzten Gruppenspiels gegen Kolumbien am 6. Juli davon unterrichteten, dass eine Zielkontrolle des gesamten Kaders unausweichlich sei. Dafür sei das Team damals in Bochum bis drei Uhr nachts festgehalten worden, ehe es – übrigens als torloser Gruppenletzter – über Zürich zurück in die abgeschottete Heimat nach Nordkorea flog.

Der nordkoreanische Verband, der über den Vizepräsidenten und zwei Botschaftsmitglieder in Frankfurt am Main die folgenschwere Nachricht aufnahm, habe in der Sache kooperiert und Erklärungsmuster vorgelegt. Die aber klingen noch abenteuerlicher als die Blitzschlag-Theorie, die einst die erste Niederlage der WM gegen den amerikanischen Klassenfeind erklären sollte. Nordkoreas Verband hat die positiven Proben mit der Gabe von traditioneller chinesischer Medizin erläutert, „es handelt sich um ein Präparat von einem so genannten Moschushirschen, der in Sibirien, der Mongolei und Nepal lebt“, teilte Dvorak mit.

Das flüssige Extrakt werde aus einer haarigen Drüse gewonnen, die ungefähr so groß wie eine Auster sei. Im Fall Nordkoreas enthielt es 14 verschiedene anabole Steroide, von denen vier auf der Anti-Doping-Liste stehen. Das Mittel, so die nordkoreanische Teamärztin, habe man jenen neun Fußballerinnen gegeben, die angeblich am 8. Juni vom Blitz getroffen worden seien. Dvorak wollte diese Schilderung nicht kommentieren, „wir können das nicht überprüfen, aber wir haben Bilder bekommen, wie die Spielerinnen deswegen ambulant versorgt werden“. Fakt ist, dass mit dem Präparat „eine Manipulation stattgefunden hat“ (Dvorak). Wegen der Ungewöhnlichkeit der Steroid-Profile hätten neben den Laboren in Köln und Kreischa auch die Einrichtungen der Welt-Anti-Doping-Agentur in Montreal und Athen bei der Identifizierung geholfen.

Die Namen der betroffenen Akteure werden vorerst nicht veröffentlicht. Über die Bestrafung muss nun die Fifa entscheiden. Auf Milde dürfen das nordkoreanische Team und der Verband aber nicht hoffen. „Das ist für uns natürlich ein Schock. Es schmerzt, wenn man sieht, dass fast eine ganze Frauschaft betroffen ist“, sagte der sichtlich betroffene Fifa-Chef Blatter. „Das ist ein ganz grober böser Dopingfall, das schmerzt.“

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