Sport : Aus der Enge des Raumes

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Von Ulrich Fuchs

César Luis Menotti ist entsetzt. „Armselig" findet er die Qualität des Fußballs, der bei der WM bis jetzt dargeboten wurde. Und der argentinische Weltmeistertrainer von 1978 hat auch den Feind des schönen Spiels schon ausgemacht. Es ist nicht mehr der „rechte Fußball", den Menotti einst in einem legendären Pamphlet geißelte, jetzt muss der „moderne Fußball" herhalten für den angeblichen Niveauverlust. Für „den Zustand der Konfusion", in dem sich der Sport nach Menottis Ansicht beim fernöstlichen Gipfeltreffen präsentiert.

Ist da was dran? Hat Menotti Recht mit dem Vorwurf, „dass dem Muskel ein höherer Stellenwert eingeräumt wird als dem Talent"? Dass „mehr rennen, mehr kämpfen" die dominierenden Strategien des laufenden Turniers sind? Dass wir Zeugen sind beim groß angelegten „Versuch, den Fußball zu computerisieren, ihn berechenbar zu machen"? Eine Entwicklung, die von der kulturpessimistischen Fraktion unter den Fußball-Kritikern schon lange prophezeit wird.

Auf dem Rasen aber sind in den letzten Jahren alle Untergangsszenarien über den Haufen gespielt worden. Bei der richtungsweisenden WM 1998 in Frankreich etwa, als neben Weltmeister Frankreich mit Brasilien und Holland zwei weitere Protagonisten offensiver Fußball-Spektakel die Halbfinals erreichten; und auch bei der den Trend festigenden EM 2000 in Belgien und Holland.

Und nun? Markiert diese WM den Richtungswechsel zurück zur Dominanz der Defensive, die zuletzt bei der EM 1996 in England zu beobachten war? Ein Spiel, das wieder stärker von der Physis bestimmt ist als von der filigranen Technik seiner Protagonisten? Sicher ist jedenfalls, dass mit Frankreich, Argentinien und Portugal schon drei Teams die Heimreise angetreten haben, die nicht nur zum Favoritenfeld gezählt wurden, sondern auch für jene Übereinkunft von Ästhetik und Effizienz standen, die dem Fußball in der Weltspitze in den letzten Jahren ihren Stempel aufgedrückt hat. Im Kreis der letzten acht sind nun Brasilien und – mit Einschränkungen – Spanien und Senegal die letzten Repräsentanten eines Spiels, bei dem eine Ansammlung überragender Individualisten den Stil des Kollektivs prägt. Mit offensivem Spektakel aber haben auch sie sich bisher in Zurückhaltung geübt.

Von einer Trendwende zu sprechen, ist trotzdem verfrüht. Weil jenseits des spektakulären Favoritensterbens ein Phänomen zu beobachten ist, das als seine Kehrseite in eine andere Richtung weist. Die so genannten Kleinen haben riesige Fortschritte gemacht, die taktischen Maßgaben des modernen Spiels sind von einem Großteil der Teilnehmer in einer Qualität umgesetzt worden, die so nicht unbedingt zu erwarten war.

Der perfekte Konter

Mit einer Absicherung hinter den Innenverteidigern etwa agiert im Kreis der letzten acht nur noch die Türkei. Ansonsten spielen die Viertelfinalisten vom 3-5-2, drei Abwehrspieler, fünf Mittelfeldspieler, zwei Stürmer, (Deutschland, Brasilien) über das 3-4-3 (Südkorea) bis hin zum 4-4-2 in allen gängigen taktischen Standardformationen, zwischen denen auch von Spiel zu Spiel oder je nach Spielsituation hin und her gewechselt wird. Weil außerdem auch das Verschieben zum Ball hin, um die Räume zu verengen und Überzahl in Ballnähe zu erreichen, genauso zum taktischen Standard-Rüstzeug zählt wie das Pressing-Spiel, ist es bei den meisten Spielen bisher zu der erwarteten Verdichtung in den Mittelfeldzonen gekommen (siehe Zeichnung). Aber dass Rennen, Kämpfen und Verteidigen die dominierenden Merkmale dieser grundsätzlichen taktischen Ausrichtung sind, ist in den vergangenen Jahren von den führenden Teams des Welt- und europäischen Klubfußballs widerlegt worden. Ob bei Frankreich, Brasilien oder Holland, ob bei Manchester United, Real Madrid oder zuletzt selbst Bayer Leverkusen – das moderne Spiel hatte aus der selbst geschaffenenen Enge der Räume hinaus gefunden: mit schnellem, präzisem Kurzpassspiel.

Wie es jetzt die eigentliche Überraschung des WM-Turniers ist, dass die vermeintlich Kleinen nicht nur aufgeholt haben, was die Physis und die Organisation des Defensivspiels angeht. Wenn der Ball erobert ist, versuchen auch sie in der Offensive, mit den Strategien des modernen Spiels voran zu kommen. Den schönsten, schnellsten, präzisesten Konter spielte nicht – wie man das hätte erwarten können – Argentinien, sondern der Senegal gegen Dänemark. Dafür darf der dänische Führungstreffer gegen Uruguay ins Lehrmaterial jeder Fußballschule der Welt aufgenommen werden zur Illustration, wie man sich aus dem Pressing eines tief stehenden Gegners mit einer schnellen Kurzpassfolge befreien kann, über die Grundlinie in den Rücken der Abwehr gelangt und auch noch erfolgreich abschließt. Und der Gastgeber Südkorea demonstrierte beim sensationellen Erfolg gegen Italien, dass mit unermüdlichem, frühem Pressing selbst eine ausgebuffte Defensive zum entscheidenden Fehler gezwungen werden kann.

Was nur beliebige Beispiele für eine Tendenz sind, deren Konsequenz zunächst paradox klingt: Die taktischen Fortschritte der Underdogs auch in der Offensive haben den Ausgang der Spiele wieder zufälliger werden lassen. Argentinien hätte gemessen an der Spielanlage und den darüber erarbeiteten Chancen den Sieg gegen Schweden (und damit die Qualifikation fürs Achtelfinale) genauso verdient gehabt wie die fahrlässig mit ihren Kontermöglichkeiten umgehenden Italiener einen Erfolg gegen Südkorea. Und hätte Frankreichs Angreifer Trezeguet nicht so früh im Spiel gegen den Senegal nur den Pfosten getroffen wie der Portugiese Conceicao gegen Südkorea spät - die Chancen auf ein Turnier, bei dem die offensiven Spektakel in Erinnerung bleiben, wären größer.

Denn allein hier hat Menotti natürlich Recht. Spektakel-Fußball wird dieser WM nicht mehr ihr Gesicht geben können. Weil es dazu Mannschaften wie Frankreich, Portugal oder Argentinien braucht. Teams also, in denen die überragenden Einzelspieler nicht an einer Hand abzuzählen sind. So aber sind die Brasilianer die letzten potenziellen Vertreter des modernen Glamour-Fußballs. Es ist aber absurd, das dem modernen Fußball vorzuwerfen, dessen taktisches Rüstzeug ja gerade die Grundlage war für den französischen Höhenflug oder das hinreißende Spiel der goldenen Generation aus Portugal.

Völlers Ärger ist berechtigt

Deshalb ist auch Rudi Völler durchaus zu Recht sauer, dass viele seiner Ex-Kollegen auf dem Platz in den Expertenrunden der Fernseh-Anstalten nicht müde werden, die deutschen Auftritte schlecht zu reden. Zumindest strukturell hat das DFB-Team die Modernisierungslücke geschlossen, die unter seinen Vorgängern aufgerissen worden ist. Taktisch hat der deutsche Fußball wieder Anschluss gefunden. Im Viertelfinale der WM geht es ihm nun wie den meisten anderen auch. An einem sehr guten Tag kann gegen jeden gewonnen, an einem mäßigen gegen jeden verloren werden. Und dass - ganz egal, ob man gewinnt oder verliert - angesichts der derzeit überschaubaren Zahl an herausragenden Einzelspielern keine fußballerischen Feuerwerke möglich waren, wusste schon im Vorfeld jeder, der es wissen wollte. So gesehen präsentiert sich das DFB-Team in Japan und Korea ein bisschen wie der gesamte Weltfußball. Der Zug ins ganz Große fehlt - aber man ist auf einem guten Weg.

Ulrich Fuchs hat mit Christoph Biermann das Buch geschrieben: „Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann. Wie moderner Fußball funktioniert"; mit einem Vorwort von Ottmar Hitzfeld; Kiepenheuer & Witsch; 8,90 Euro.

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