Sport : Aus der Krise Richtung Untergang

Der positive Dopingtest des Radprofis Stefan Schumacher schlägt hohe Wellen – bis hinein ins IOC

Mathias Klappenbach

Berlin - Es hat sich einiges geändert im Radsport. Vor ein paar Jahren galt ein Fahrer, dessen A-Probe positiv auf Doping war, offiziell so lange als nur verdächtig, bis das Ergebnis der B-Probe vorlag. Das gab vielen Profis Zeit, sich die eine oder andere Ausrede zu dem aktuellen Testergebnis auszudenken. Da aber aus guten Gründen für Radprofis inzwischen der Generalverdacht gilt, gibt es keine Zeitverzögerung mehr zwischen dem ersten Testergebnis und den ersten Konsequenzen.

Natürlich wurde der deutsche Radprofi Stefan Schumacher sofort von seinem Team Gerolsteiner suspendiert, nachdem bekannt geworden war, dass er bei einem nachträglichen Test von der Tour de France positiv auf das Blutdopingpräparat Cera getestet wurde. Zweimal, wie gestern bestätigt wurde. Und das Team will auch darüber hinaus gegen den 27-Jährigen vorgehen, der bei der Tour beide Zeitfahren gewonnen hat und zwei Tage lang das Gelbe Trikot trug (siehe Interview rechts). „Die Nachricht ist bestürzend. Eine Stellungnahme meines Mandanten kann es natürlich erst nach Kenntnis der konkreten Beschuldigungen geben. Bis jetzt liegt uns außer dem Inhalt der Pressemitteilungen nichts vor“, sagte Schumachers Anwalt Michael Lehner. Schumacher selbst wollte nichts sagen.

Wer etwas dazu sagt, hatte angesichts der Situation im Radsport viel Zeit, sich seine Sätze für einen solchen Fall zu überlegen. „Ich will dem Parlament nicht vorgreifen, aber ich bin der Meinung, das muss jetzt zu einer Sperre der Haushaltsgelder für den Radsport führen“, sagte der Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Peter Danckert (SPD). Der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees, Thomas Bach, sagte, es müsse für den Radsport „sogar eine olympische Denkpause in Erwägung gezogen werden“. Und ein weiterer Spitzenfunktionär, der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, Michael Vesper, ist „erschüttert und unsagbar sauer. Der Radsport spielt mit seiner Existenz. Das ist Selbstmord.“

Selbst Rudolf Scharping war „geschockt, weil es „ein ungeheurer Betrug ist“, wie der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer sagte. „Das Präsidium wird heute einen vorsorglichen Beschluss per Telefon herbeiführen, um das Verfahren sofort einleiten zu können, sobald die Unterlagen da sind.“ Schumacher solle möglichst lange gesperrt werden. Auch die Tour-Übertragungen in ARD und ZDF stehen mehr denn je infrage (siehe Medienseite).

So weit die nationale Empörung. Neben Schumacher wurde jetzt auch der Italiener Leonardo Piepoli nachträglich positiv getestet. Er war allerdings auch ohne positiven Befund bereits bei der Tour von seinem Team Saunier Duval entlassen worden und hatte Doping danach zugegeben. Schon vor einer Woche hatte die französische Antidopingagentur angekündigt, dass sie bei den Nachkontrollen mit weiteren Dopingfällen rechne.

Gestern war nun von mindestens zwei weiteren Fällen die Rede, eventuell hatte aber noch eine ganze Reihe von Fahren zumindest auffällige Blutwerte. Die Zeitung „Le Soir“ will wissen, dass unter anderem der Toursieger Carlos Sastre dazugehört. Dann wäre der Skandal tatsächlich ein großer, internationaler mit internationalen Folgen für den Radsport.

So gibt es erst einmal einen positiv getesteten deutschen Fahrer, über den sich die Verwunderung in Grenzen hält. Denn Schumacher war schon öfter unter den Verdächtigen. 2005 wurde er positiv auf die Stimulanz Cathin getestet. Sie war in einem Mittel, das ihm von seiner Mutter, einer Ärztin, verschrieben worden war und von dem angeblich nicht bekannt war, dass es die verbotene Substanz enthielt. Schumacher, der im Jahr zuvor einen von vielen beargwöhnten Leistungssprung gemacht hatte, wurde freigesprochen. Vor der Weltmeisterschaft 2007 hatte er ungewöhnliche Blutwerte, durfte aber schließlich starten. Und im Oktober 2007 hatte er Amphetamine im Blut, wie sich nach einem Autounfall herausstellte. Da dies aber außerhalb der Wettkämpfe passierte, wurde er nicht gesperrt.

Dieses Mal sind schnelle, schwerwiegende Konsequenzen unausweichlich. Und Schumacher hatte wohl genügend Zeit, sich eine Verteidigungslinie zu überlegen oder zu entscheiden, ob er gesteht. Der „Thüringer Allgemeinen“ sagte sein Teamkollege Sebastian Lang: „Als bekannt wurde, dass es ein neues Testverfahren auf Cera gibt, haben wir uns alle gefreut. Wir saßen im Bus und haben richtig gejubelt. Das ganze Team, außer Stefan. Er war plötzlich ganz still und zurückgezogen. Bis zum Schluss.“Seite 25

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