Sport : Aus der Mode

Vor elf Jahren hat Andre Agassi mit wallendem Haar Wimbledon gewonnen – mit Glatze gelingt ihm das nicht

Benedikt Voigt

London. Eigentlich wollte Andre Agassi nur jenem Foto aus dem Jahr 1992 ein neues hinzufügen. Das alte Bild zeigt ihn als Wimbledon-Sieger beim Champions-Ball neben Steffi Graf, seiner zukünftigen Frau. Von dieser Wendung des Lebens wusste er zum Zeitpunkt der Aufnahme allerdings noch nichts. Auch dürfte er nicht geahnt haben, dass ihm die üppige Haarpracht, die ihm auf dem alten Foto bis auf die Schultern reicht, elf Jahre später ausgegangen sein würde. „Ich weiß, dass ich mich verändert habe“, sagt Agassi, „einmal hat mir jemand ein Foto gezeigt, und ich habe gesagt: ,Die sieht nett aus, schöne Haare’ – da stellte sich heraus, dass ich es war.“ In diesem Jahr also wollte er unbedingt beim abschließenden Ball der Sieger mit seiner aktuellen Frisur fotografiert werden. Doch dieses Bild wird es nicht geben.

Andre Agassi hat es nicht geschafft, seinen Erfolg von vor elf Jahren zu wiederholen. Am Montagabend schied der 33-Jährige bei den All England Championships in einem spannenden Fünfsatzmatch (3:6, 6:2, 7:6, 3:6, 4:6) gegen den Australier Mark Philippoussis aus. „Ich hatte meine Chancen“, sagte Agassi, „aber er war definitiv der bessere Spieler, als es wichtig wurde.“ Mit Agassi verabschiedet sich auch einer der letzten Charismatiker der Tennisszene aus dem Turnier. Er stammt noch aus einer Zeit, als die Spieler Boris Becker oder John McEnroe hießen. Zu verwechselbar und uncharismatisch erscheinen die aktuellen Argentinier oder Spanier, die die Weltrangliste besetzen. Vielleicht aber haben sie auch nur zu wenig gewonnen.

Die Chance auf Prominenz haben nun in Wimbledon jüngere Spieler wie Sjeng Schalken, Roger Federer oder Andy Roddick. Für den 31-jährigen Schweden Jonas Björkman oder Alexander Popp, die überraschend ins Feld der letzten acht gelangt sind, dürfte das Endspiel außer Reichweite liegen. Der Deutsche tritt heute gegen Agassis Bezwinger Mark Philippoussis an. Und kann sich auf einige krachende Aufschläge gefasst machen. Mit 46 Assen hatte der Australier Agassi bezwungen. Ein Rekord für Wimbledon, nur Goran Ivanisevic prügelte einst genauso viele Asse ins Feld. Agassi fühlte sich bei seiner Niederlage an das Serve-and-Volley-Spiel des siebenmaligen Wimbledon- Siegers Pete Sampras erinnert. „In gewisser Hinsicht ist da das gleiche Tier bei der Arbeit.“

Doch der 31-jährige Sampras hat seit seinem Sieg bei den US Open im September 2002 kein Match mehr bestritten, und beim Tennispublikum geht die Angst um, dass auch Agassis Karriereende naht. „Ich habe immer gesagt, dass ich es so lange nicht weiß, wann es vorbei ist , bis dieser Moment da ist“, sagte Agassi nach seinem Ausscheiden. Gegenwärtig sieht er diesen Zeitpunkt noch nicht gekommen. Er möchte auch 2004 in Wimbledon spielen. „Ich bin immer noch ein Tennisspieler, und hier muss man dabei sein.“ Das hat Sampras im vorigen Jahr nach seinem Ausscheiden auch gesagt.

Andre Agassi blickt auf eine abwechslungsreiche Karriere zurück. Acht Grand-Slam-Turniere gewann er. Den Anfang machte der Sieg in Wimbledon vor elf Jahren, den letzten Titel gewann er im Januar bei den Australian Open. Dazwischen lag 1997 ein Abstieg in der Weltrangliste bis auf Platz 141. „Damals musste ich wählen: Entweder ich spiele nicht mehr Tennis, oder ich spiele mit vollem Engagement.“ Wofür er sich damals entschied, ist bekannt. Seit einer Woche führt ihn die Weltrangliste wieder als Nummer eins. Er ist der älteste Spieler, dem dies gelang.

Mit den Jahren änderte sich nicht nur Agassis Frisur. „Die Niederlagen werden zwar enttäuschender, aber wenn du nach Hause zu deinem Sohn gehst, dauert dieses Gefühl nicht mehr so lange an“, sagt er. Sein Familienleben in Las Vegas mit Steffi Graf und dem Sohn Jaden Gil bedeutet ihm inzwischen ebenso viel wie Tennis. „Zu Hause sammelst du dich wieder, und dann gehst du wieder los, und versuchst, etwas Besonderes zu schaffen.“ In Wimbledon ist ihm das in diesem Jahr nicht gelungen. „Wenn immer etwas Besonderes passieren würde, wäre es ja nichts Besonderes mehr“, sagt er. Andre Agassi, dessen Karriere schon so viele Höhepunkte aufzuweisen hat, sucht es noch immer: das Außergewöhnliche.

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