Sport : Aus einer fernen Zeit

Die Wandlung der deutschen Nationalmannschaft, oder: Wie aus einem potenziellen Achtelfinalausscheider der WM-Favorit wurde

Stefan Hermanns,Michael Rosentritt

Berlin - Oliver Bierhoff hat in diesen Tagen aus gegebenem Anlass noch einmal an das letzte Länderspiel gegen Italien erinnert. Gerade 125 Tage liegt die Begegnung von Florenz zurück, die mit einer 1:4-Niederlage der Deutschen endete. Als der Manager der deutschen Fußball- Nationalmannschaft davon erzählte, schien es, als würde er aus einer fernen Zeit berichten. „Man hatte fast den Eindruck, als ob man Jürgen Klinsmann noch nach Hause schicken wollte“, sagte der Teammanager über die spätwinterliche Stimmung im Land. Selbst kurz vor Beginn der WM war das Vertrauen der Deutschen in den Bundestrainer nicht besonders ausgeprägt: Die Mannschaft galt als potenzieller Achtelfinalausscheider; nur ein paar Wochen später wäre alles andere als der Titel eine einzige Enttäuschung. Die Wandlung der Mannschaft muss vor allem als Erfolg des Systems Klinsmann verstanden werden. Es ist schon fast beängstigend, wie präzise der Plan des Bundestrainers bisher aufgegangen ist. Klinsmann hat am Beginn seiner Amtszeit immer wieder darauf hingewiesen, dass viele kleine Verbesserungen eine große Wirkung entfalten können. Hier ein Überblick über die wichtigsten Faktoren.

Das Spielsystem: Klinsmann hat der Mannschaft mit seinem Amtsantritt vor knapp zwei Jahren die Offensive verordnet, und wenn die Mannschaft nicht offensiv spielt wie im Viertelfinale gegen Argentinien, besteht zumindest die Möglichkeit, bei Bedarf offensiv zu spielen. „Es war beeindruckend zu sehen, dass eine Weltklassemannschaft wie Argentinien ihre Formation auf unsere umgestellt hat“, sagt Klinsmann. Er wechselte nach dem 0:1 Odonkor, Borowski und Neuville ein, sein Gegenpart Pekerman holte prompt seinen Spielmacher Riquelme vom Feld und nahm seiner Mannschaft damit das Bedrohungspotenzial.

Viel wichtiger noch als das grundsätzlich offensive Spielsystem ist zurzeit seine taktische Ausgestaltung. Michael Ballack spielt bei der WM auf einer Linie mit Torsten Frings vor der Viererabwehrkette. Die deutsche Defensive hat dadurch erheblich an Stabilität gewonnen. Nach dem Eröffnungsspiel gegen Costa Rica (ohne Ballack und mit zwei Gegentoren) ist Torhüter Jens Lehmann in vier Spielen nur noch einmal bezwungen worden: durch einen Kopfball des Argentiniers Ayala nach einem Eckball. Klinsmann findet es bemerkenswert, „wie viele Torchancen wir den Gegnern zulassen, nämlich so gut wie gar keine“.

Die Fitness: Jens Lehmann hat seine Kollegen beim FC Arsenal in England schon vor mehr als einem Jahr gewarnt: „Macht euch keine Illusionen! Die deutsche Mannschaft wird bei der WM topfit sein.“ Deutsche Mannschaften sind bei Weltmeisterschaften immer topfit, aber bei dieser WM erlebt die Welt bei den Deutschen eine Topfitness, die es noch nicht gegeben hat. Es ist vor allem das Werk US-amerikanischer Spezialisten, die Klinsmann gegen alle chauvinistischen Widerstände mit der Athletikschulung seiner Spieler beauftragt hat. „Die Arbeit kann man gar nicht hoch genug einschätzen“, sagt der Bundestrainer. Torsten Frings verkündete nach den 120 Minuten Kampf im Viertelfinale: „Wir wussten, dass wir mehr Kraft haben als Argentinien.“ Der Eindruck war ein anderer: Die Südamerikaner wirkten mindestens genauso fit, wenn nicht sogar fitter. Doch der Glaube an die körperliche Überlegenheit hat sich bei den deutschen Spielern längst verselbstständigt.

Das Selbstvertrauen: Michael Ballack, der Kapitän der deutschen Mannschaft hat gestern einen guten Witz gemacht: „Alle Vorzeichen sprechen für die Italiener. Wir haben eigentlich keine Chance. Das ist wunderbar.“ Dass die deutsche Nationalmannschaft von den Italienern noch im März nahezu überrannt wurde, empfinden die Beteiligten nicht mehr als Belastung, „da ist nur noch mehr Motivation“, sagt Philipp Lahm. Die Deutschen haben im Laufe der WM ein Selbstbewusstsein entwickelt, das fast unerschütterlich ist. „Mit dem Selbstvertrauen, das wir in den letzten sechs Wochen aufgebaut haben, können wir auch die nächsten beiden Gegner besiegen“, sagt Klinsmann.

Der Glaube an die eigene Stärke ist wichtiger Baustein des Systems Klinsmann. Schon bei seinem Amtsantritt hat der Bundestrainer sein Ziel kundgetan, Weltmeister zu werden. Klinsmann hat die Mannschaft damit stärker geredet, als sie war. Oder anders ausgedrückt: Jetzt ist sie so stark, wie Klinsmann sie von Anfang an gemacht hat. Gegen Argentinien gerieten die Deutschen erstmals bei der WM in Rückstand. Sie meisterten auch diese Situation. „Wir haben die Spieler darauf vorbereitet“, berichtete der Bundestrainer.

Die Gegnerbeobachtung: Der Optimismus der deutschen Mannschaft hat längst auch ihren Chefscout aus der Schweiz erfasst. Urs Siegenthaler verließ am Freitag beim Stand von 0:1 das Olympiastadion, um das Spiel des potenziellen Halbfinalgegners zu begutachten. Siegenthaler war davon überzeugt, dass seine Mühe nicht vergebens sein würde. Der Schweizer hat eine umfangreiche Datensammlung angelegt, die es zuvor beim Deutschen Fußball-Bund nicht gegeben hat. Zudem besitzt er die Gabe, charakteristische Stärken und Schwächen einer Mannschaft zu erkennen und daraus eine entsprechende Strategie für das eigene Spiel zu entwickeln. „Siegenthaler sieht, was andere nicht sehen“, sagt Klinsmanns Assistent Joachim Löw. „Und er bringt die Dinge sehr präzise auf den Punkt.“ Auch der Sieg im Elfmeterschießen gegen Argentinien war das Resultat einer akribischen Vorbereitung. Jens Lehmann, der Torhüter, wusste von allen argentinischen Schützen, wie sie in der Regel ihre Elfmeter schießen. Er hielt zwei.

Der Spielplan: Das Losglück hat schon lange einen deutschen Pass, ohne seine Hilfe hätten die Deutschen vor vier Jahren vermutlich nicht das WM-Finale erreicht. Obwohl die Nationalelf es diesmal auf dem Weg zum Titel mit ganz anderen Gegnern zu tun bekommt oder bekommen wird, hat die Auslosung den Deutschen erneut in die Hände gespielt. In der Vorrunde konnten sie sich gegen eher schwächere Gegner gewissermaßen unter Wettkampfbedingungen einspielen und ihre Stammformation finden, bevor sie in der K.-o.-Runde richtig gefordert wurden.

Der Heimvorteil: Der Heimvorteil der Deutschen hat sich im Viertelfinale vor allem als Auswärtsnachteil für die Argentinier erwiesen. Sie wurden bei fast jedem Ballkontakt ausgepfiffen, und als Torhüter Abbondanzieri verletzt vom Platz getragen wurde, steigerte sich der Unmut zu einem Sturm der Wut, in dem der sportliche Anstand hinweggefegt wurde. In Dortmund, beim Spiel gegen Polen, hat sich der Eifer des Publikums eher darauf gerichtet, die eigene Mannschaft anzutreiben. „Es hat Gewicht“, sagt Klinsmann. „Die Mannschaft spürt: Da ist ein Publikum, das sie nach vorne treibt.“

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