Sport : Aus Erfahrung ungut

Im Pokal scheiterte Hertha oft an Unterklässlern – bei den Kickers in Stuttgart soll sich das ändern

Stefan Hermanns

Berlin - Ein Fußballtrainer muss immer wissen, wann er sich einen Scherz erlauben kann und wann nicht. Falko Götz ist dieser Tage gefragt worden, was er denn von den Stuttgarter Kickers wisse. „Jede Menge“, antwortete der Trainer von Hertha BSC. „Stuttgart liegt im Süden, die Kickers sind Regionalligist. Sie haben ein enges Stadion, da wird viel Hektik und Theater sein.“ Sollte das alles sein, was Götz über Herthas heutigen Gegner in der zweiten Runde des DFB-Pokals in Erfahrung gebracht hat, müsste man ernsthaft an seiner Berufsauffassung zweifeln. Aber Götz hat sich diesen kleinen Scherz erlauben können, weil er sich und seine Mannschaft gut vorbereitet, weiß für das Duell mit dem Drittligisten. Zweimal hat er die Kickers beobachten lassen.

So viel Sorgfalt ist trotz des Zweiklassenunterschieds keineswegs übertrieben. In der ersten Runde des Pokalwettbewerbs sind vier Bundesligisten an Klubs aus der Regionalliga gescheitert: Werder Bremen am FK Pirmasens, Mainz 05 beim 1. FC Saarbrücken, Arminia Bielefeld in Pfullendorf und der Hamburger SV in Stuttgart bei den Kickers. Selbst der Deutsche Meister Bayern München benötigte für das Weiterkommen gegen den FC St. Pauli eine Verlängerung, genauso wie Hertha bei Darmstadt 98.

Zufall ist das nicht. Auch Regionalligafußballer betreiben ihren Sport in der Regel professionell. In den Mannschaften finden sich viele ältere Spieler, die früher in der Bundesliga gespielt haben, dazu einige junge Talente, die auf dem Sprung nach oben sind. Punktuell, vor allem mit der Unterstützung ihres Publikums, sind solche Teams sehr wohl in der Lage, den Leistungsvorsprung der Bundesligisten aufzuholen. St. Pauli stand in der vergangenen Saison im Halbfinale – nach Siegen gegen Bremen, Bochum und Hertha. Drei Drittligisten – Herthas Amateure, Energie Cottbus und der 1. FC Union – schafften es sogar ins Endspiel des DFB-Pokals. „Wichtig ist, dass man nicht leichtfertig spielt gegen solche Gegner“, sagt Herthas Manager Dieter Hoeneß.

Kaum jemand hat die Stärke der dritten Liga schmerzlicher zu spüren bekommen als Herthas Profis. In den vergangenen vier Jahren sind sie dreimal an einer Mannschaft aus der Regionalliga gescheitert: an Holstein Kiel (2002), Eintracht Braunschweig (2004) und eben St. Pauli (2005). Auch aus dieser Erfahrung sagt Hoeneß vor dem Spiel in Stuttgart: „Das wird ein heißer Tanz, da muss man kein Prophet sein. Auch wenn die Kickers zuletzt ein paar schlechtere Ergebnisse hatten.“ Lange Zeit führten die Stuttgarter die Regionalliga Süd an, inzwischen sind sie auf Platz vier zurückgefallen. Aus den ersten sieben Spielen holten die Kickers 19 Punkte, in den fünf folgenden waren es nur noch drei. „Gerade dann ist der Pokal eine wunderbare Gelegenheit, wieder die Kurve zu kriegen“, sagt Hoeneß.

Auf der anderen Seite bietet sich Hertha die Chance, mit einem Sieg im Pokal die positiven Eindrücke der jüngeren Vergangenheit weiter zu vertiefen. Der Erfolg gegen Borussia Mönchengladbach am Wochenende hat den ordentlichen Saisonstart der Berliner in ein noch milderes Licht getaucht. „Mir hat gut gefallen, wie die Mannschaft den Sieg erkämpft hat, dass sie Moral und Charakter gezeigt hat“, sagt Hoeneß. „Genau mit dieser Einstellung müssen wir gegen die Kickers spielen. Das ist reine Kopfsache.“

Neben Gilberto und Christian Gimenez, die schon gegen Gladbach fehlten, wird Götz in Stuttgart auch auf Innenverteidiger Dick van Burik verzichten müssen, der sich am Samstag eine Schienbeinprellung zugezogen hat. Theoretisch sollte Herthas Kader trotzdem stark genug sein für einen Regionalligisten; in der Praxis jedoch werden die Berliner gegen die Kickers mehr als ihre spielerische Überlegenheit einbringen müssen. „Uns erwartet ein Kampfspiel mit Hektik und Provokation. Darauf müssen wir eingestellt sein“, sagt Götz. Darauf hinzuweisen ist das eine, diese Erkenntnis auf dem Platz umzusetzen das andere. „In Stuttgart werden wir uns wieder schwer tun“, sagt Mittelfeldspieler Yildiray Bastürk. „Warum das so ist, weiß ich auch nicht.“

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