Sport : Aus Fehlern lernen

Julius Müller-Meiningen

Es gibt einen kurzen Moment in dem Gespräch mit Werner Gegenbauer, in dem man das Gefühl hat, viel über ihn erfahren zu haben, ohne dass er es selbst merkt. Es geht natürlich um Berlin und um die umstrittene Idee, dass die mit Milliarden verschuldete Stadt sich nach 1993, als die damalige Bewerbung in einer Katastrophe endete, wieder für die Austragung Olympischer Spiele bewerben könnte. Werner Gegenbauer, 51 Jahre alt, erzählt von der Anziehungskraft der Hauptstadt, ungefähr so, wie man es in den bunten Reiseprospekten lesen kann. Der Beweis sei doch zum Beispiel die lange Schlange der Besucher vor dem Reichstagsgebäude. Und dann sagt Gegenbauer, er selbst würde sich da nie anstellen. Aber Sie waren doch bestimmt schon einmal im Reichstag? "Natürlich", erwidert er, "wir haben da den Reinigungsauftrag und man muss ja nur beim Käfer-Restaurant auf dem Dach einen Platz bestellen, dann kommt man sehr schnell in das Gebäude".

Bei Werner Gegenbauer, in dessen Büro am Gendarmenmarkt es nach kaltem Zigarrenrauch riecht, laufen viele Fäden zusammen. Bis zur Fusion mit der Salamander AG im vergangenen September führte er eines der größten deutschen Gebäudemanagement-Unternehmen. Er geht bei Hertha BSC und auf den Golf- und Tennisplätzen der Region aus und ein, ist seit vier Jahren Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) und wird es vier weitere Jahre bleiben.

Eines seiner wichtigeren, sozusagen privaten Projekte ist derzeit die Idee, aus Berlin die Stadt der Olympischen Spiele 2012 oder 2016 zu machen. Es gibt den Vorschlag, die Bewerbung für zwei bis drei Millionen Mark aus Spenden der Berliner Wirtschaft zu finanzieren, um keine öffentlichen Gelder zu bemühen. Das Einsammeln würden Gegenbauer und seine beiden Kompagnons übernehmen. Dass die drei über gute Kontakte verfügen, ist bekannt. Stimmen, die dem IHK-Präsidenten unterstellen, dass er die Millionen gar nicht erst zusammen bekomme, empfindet er als "beleidigend".

Im Rücken hat Gegenbauer ein paar Argumente, aber vor allem interessante Mitstreiter. Da ist auf der einen Seite Roland Specker, ein schwäbischer Bauunternehmer, der die Reichstagsverhüllung durch Christo und Jean-Claude mit organisiert hat. Und auf der anderen Seite der Unternehmensberater Nikolaus Fuchs. In Sachen Olympia ist Fuchs in Berlin kein Unbekannter. Er war Geschäftsführer der Olympia 2000 Marketing GmbH, leitete also die Olympiabewerbung, die am 23. September 1993 in Monte Carlo nicht einmal zehn Prozent der Stimmen für Berlin gewinnen konnte.

Manche macht es stutzig, dass Nikolaus Fuchs wieder dabei ist. Und weil er es vermeidet, mit Journalisten zu sprechen, ist man auf andere angewiesen, die Fragen nach dieser seltsamen Kontinuität zu beantworten. Werner Gegenbauer, der Fuchs noch von der letzten Olympiabewerbung kennt, weil seine Firma am Investorenpool beteiligt war, begründet das Mitwirken von Fuchs damit, dass der "seine Faszination an Olympia nie verloren hat". "Ich weiß bis heute nicht, was damals wirklich passiert ist. Aber man kann nicht sagen, dass das toll gelaufen ist", erklärt Gegenbauer. Jedenfalls werde die missglückte Bewerbung immer mit Fuchs in Verbindung gebracht. "Trotzdem glaube ich nicht, dass er irgend ein Akzeptanzproblem hat."

Geld vom Land? Nicht nötig!

Aber aus welchem Grund soll eine Bewerbung Berlins jetzt Erfolg haben? "An den Bewerbungsunterlagen und der Präsentation ist Berlin damals nicht gescheitert", sagt Gegenbauer. Es sei die mangelnde Akzeptanz im eigenen Land gewesen, die zum Misserfolg beigetragen habe. Und wenn man sich jetzt umhöre im Land, dann sei der "Gegenwind doch offensichtlich gar nicht so stark".

Aber es gibt ihn doch. Nicht nur von der PDS und Teilen der Grünen. Frontal bläst er vom Deutschen Sportbund (DSB) gegen Berlin, und zwar aus dem Munde des DSB-Präsidenten Manfred von Richthofen, selbst ein Berliner. Er zweifelt an den Versprechungen des Triumvirats und daran, dass das Land Berlin ohne eine eigene Beteiligung an der Bewerbung auskommt. Der Berliner Werner Gegenbauer versteht nicht, "warum Richthofen so gegen seine Heimatstadt wettert. Ich war fassungslos, als er das gesagt hat."

Weil doch die meisten Arbeiten für eine Olympiabewerbung gemacht seien. "Es sind ja schon drei Milliarden Mark in Sportstätten investiert worden." Nach der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland habe man in Berlin auch ein taugliches und zeitgemäßes Stadion. Mit den Unterlagen für die letzte Bewerbung und politischer Unterstützung, sagt Werner Gegenbauer, sei die Bewerbung zu schaffen. Wenn Berlin sich für Sportfeste und Leichtathletikturniere bewerbe, könne man auch Olympia ins Auge fassen. Und mit den Vorleistungen aus der letzten Bewerbung gebe es auch "ernsthafte Chancen". Außerdem sei klar, dass Potsdam und somit Brandenburg dabei sein werden, "Brandenburgs Sportler holen ja auch die meisten Medaillen für Deutschland". Das einzige Problem sei das olympische Dorf. "Warum so ein Dorf in einer Region mit 150 000 leer stehenden Wohnungen bauen? Da müssen wir noch über eine Lösung nachdenken. Aber normalerweise müssten alle fordern, dass sich Berlin bewirbt."

Jüngst hat sich auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit für eine Bewerbung Berlins ausgesprochen. Die Weichen stehen also günstig, dass Gegenbauer, Specker und Fuchs den Zuschlag erhalten. "Wir würden das machen, wenn uns der Senat beauftragt", sagt der IHK-Präsident.

Im Frühjahr 2003 wird entschieden, welche deutsche Stadt sich für die Olympischen Spiele 2012 oder 2016 bewirbt. Sollte Berlin ausgewählt werden, stünde die internationale Bewerbung bevor. Weil dann Unterstützung vom Bund und der gesamten deutschen Wirtschaft käme, bräuchte man auch dafür kein Geld des Landes Berlin, sagt Werner Gegenbauer. Er rechnet mit Kosten von etwa 50 Millionen Mark. "Sollten wir bei der nationalen Bewerbung Erfolg haben, ist das keine Bedingung dafür, dass wir drei auch die internationale Bewerbung machen", sagt Gegenbauer. Und dann noch: "Man hat es einfach leichter beim zweiten Mal."

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