Sport : Aus für Baumann: Alle Macht den Drogen? (Leitartikel)

Helmut Schümann

Es war eine tolle Eröffnungsfeier, und es waren bislang schöne Olympische Spiele, und sie werden weiter schön bleiben - doch hoffentlich ist das alles nicht nur die faszinierende Oberfläche des Sports. Denn möglicherweise ist diese Oberfläche extrem dünn. Darunter brodelt eine andere, weniger schöne Wirklichkeit. Am Montagnachmittag brach in Sydney diese Wirklichkeit wieder durch, als das Schiedsgericht des Leichathletikweltverbandes entschied, den unter ungeklärten Umständen gedopten Läufer Dieter Baumann allenfalls gnadenhalber bei Olympia 2000 laufen zu lassen. Es hat jedoch am gleichen Tag erneut Hinweise gegeben, dass der Beschluss, Baumann zu sperren, falsch sein könnte, dass weiter untersucht werden müsste, weil Baumann vielleicht doch unschuldig ist. Schon längere Zeit kursiert die gestern wieder zitierte These, Baumann, der stets gegen Doping gekämpft hat, könnte möglicherweise Opfer eines gezielten Anschlages durch ehemalige Angehörige der Stasi sein.

Am Fall Baumann lässt sich aber zugleich beispielhaft aufzeigen, wie interessant die ganze Materie ist. Mit dem klassischen Schwarz-Weiß-Raster lässt sich die Doping-Problematik nicht erfassen. So absurd Baumanns These vom Anschlag auch klingen mag, so groß sind im Lauf der Zeit doch die Zweifel geworden, dass der Olympiasieger von 1992 lügt. Es gibt wissenschaftliche Unterlagen aus DDR-Zeiten, in denen akribisch aufgeführt ist, wie man eine Zahnpasta manipuliert. Baumann selbst hätte mit Hilfe von Spezialisten diese Zahnpasta manipulieren müssen und wäre dadurch erpressbar geworden. Außerdem erklärt ein Kripobeamter, der 25 Jahre Erfahrung hat und Baumann verhörte, dass der Athlet absolut glaubwürdig sei.

Und doch darf man nicht vergessen, dass Baumann nicht vorwiegend wegen dieser Indizien vom Rechtsausschuss des nationalen Verbands freigesprochen wurde. Die Richter hätten ihn sogar trotz dieser Punkte verurteilt. Baumann durfte nur deshalb wieder laufen, weil seine Doping-Proben teilweise verunreinigt wurden und er dadurch keine Chance mehr hatte, einen Gegenbeweis anzutreten. Das mussten die Richter würdigen.

Könnte, wäre, hätte. Der Konjunktiv bestimmt diese Ebene des Sportes. Die Masse der Enthüllungen, die Menge der Rekorde, mit denen Bestmarken pulverisiert werden, die von nachweislich gedopten Athleten aufgestellt wurden, lassen nur einen Schluss zu: Es ist grundsätzlich jede Leistung im Sport in Frage zu stellen. Kann man glauben, dass die faszinierenden Schwimmwettkämpfe am vergangenen Samstag im olympischen Becken von Sydney ohne Betrug vonstatten gingen? Kann da nicht der Gedanke kommen, Ian Thorpe, der derzeit weltbeste Schwimmer, sei vielleicht auch ein geschickter Doper? Ist Jan Ullrich, der deutsche Radstar, wirklich sauber, nur weil er noch nie überführt wurde? War etwas mit Franziska van Almsick, als sie schneller schwamm als die gedopte Konkurrenz aus China? Und andersrum: Ist das schlechte Abschneiden der deutschen Schwimmer und Schwimmerinnen in Sydney wirklich ein Hinweis darauf, dass sie nun alle sauber sind in einem verseuchten Umfeld? Oder darf man völlig ausschließen, dass sie ihre Droge Epo abgesetzt haben, absetzen mussten, nachdem das Internationale Olympische Komitee (IOC) kurz vor dem Beginn der Spiele Epo-Tests einführte? Wir drücken die Daumen, dass die Deutschen siegen. Und müssen dabei kräftig hoffen, dass sie es ungedopt tun.

All diese Zweifel stören die Faszination, sie zerstören sie (noch) nicht. Wenn Ian Thorpe durchs Wasser pflügt, als sei er ein Fisch, oder wenn in der kommenden Woche die schnellsten 100-Meter-Läufer der Welt mit einer Geschwindigkeit durchs Ziel rauschen, die Normalmenschen kaum mit dem Rad erreichen, dann sind wir nur allzu gerne bereit, die Skepsis zu vergessen. Selbst die, die fest überzeugt sind, dass in olympischen Finals kein ungedopter Sportler mehr zu finden ist. Die nächste Doping-Enthüllung, die nächste deswegen anberaumte Gerichtsverhandlung, der nächste zweifelhafte Freispruch oder, wie im Falle Dieter Baumanns, die nächste fragliche Strafe, erinnern uns nur schnell wieder, dass wir vielleicht einem schönen Schein aufgesessen sind.

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