Sport : Aus für Baumann: "Freispruch war eine Fehlentscheidung"

Dieter Baumann hat in Sydney schon vor dem Start der Leichtathletik-Wettbewerbe verloren. Die Karriere des 5000-m-Olympiasiegers von 1992 in Barcelona ist zumindest für lange Zeit unterbrochen worden, vielleicht ist sie sogar beendet. Denn das Schiedsgericht des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF) sperrte den 35-jährigen Tübinger am Montag wegen Dopings rückwirkend. Die Zwei-Jahres-Sperre läuft bis zum 21. Januar 2002. Im Gegensatz zum Freispruch Baumanns durch den Rechtsausschuss des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) vor rund zwei Monaten, sah es das Arbitration Panel als erwiesen an, dass die beiden im Herbst 1999 genommenen positiven Proben des Läufers auf die Anwendung verbotener Substanzen zurückzuführen waren. "Das Arbitration Panel hat entschieden, dass der Freispruch durch den DLV-Rechtsausschuss am 13. Juli eine Fehlentscheidung war", heißt es in der offiziellen Pressemitteilung der IAAF.

"Für uns ist dies die letztinstanzliche ordentliche Entscheidung. Diese hat das Mitglied, und der DLV ist Mitglied der IAAF, zu respektieren und in gewisser Weise auch zu akzeptieren", sagte DLV-Präsident Helmut Digel und erklärte den Fall für seinen Verband für abgeschlossen. Baumanns Anwalt hingegen kündigte juristische Schritte an. "Wir machen natürlich weiter. Am wahrscheinlichsten ist, dass wir zum CAS gehen", sagte Michael Lehner. Allerdings ist sehr fraglich, ob dieser Gang vor den Internationalen Sportgerichtshof für Baumann überhaupt möglich ist, denn die IAAF erkennt das CAS nicht an. "Unser Schiedsgericht ist letztinstanzlich. Weder der Athlet noch wir als Verband können vor das CAS gehen", hatte der Präsident der IAAF, Lamine Diack (Senegal), vor kurzem im Rahmen eines Interviews gegenüber dem Tagesspiegel erklärt. Deshalb war es für die IAAF auch nicht möglich, nach dem offensichtlichen Fehlurteil seines Schiedsgerichtes, das zum Freispruch der Sprinterin Merlene Ottey (Jamaika) führte, vor das CAS zu ziehen.

"Es kann nicht sein, dass ein Schwimmer vor das CAS gehen kann und ein Leichtathlet nicht, nur weil der Weltverband dem nicht beigetreten ist", kritisierte Helmut Digel das Verfahren. Das Nationale Olympische Komitee (NOK) für Deutschland wird Baumann trotz dessen Verurteilung nicht aus dem Olympia-Team ausschließen. "Die Zulassung erlischt automatisch, wenn keine rechtlichen Schritte mehr möglich sind. Wir warten ab, ob er vor den CAS zieht", erklärte Heiner Henze. Der NOK-Generalsekretär sieht allerdings nur eingeschränkte Möglichkeiten. "So lange das IOC es nicht schafft, einen der wichtigsten Verbände dem CAS zu unterwerfen, bleiben solche Verfahren schwierig." Auch der Chef de Mission des deutschen Teams, Klaus Steinbach, rechnet kaum mit einer Revidierung des Urteils: "Die Karriere ist damit sicher beendet."

Möglich wäre theoretisch, dass der DLV bei dem heute in Sydney tagenden IAAF-Council ein Gnadengesuch für Dieter Baumann stellt. Zum Zeitpunkt der Urteilsveröffentlichung hielt sich Dieter Baumann im Trainingscamp der deutschen Leichtathleten in der Nähe von Brisbane auf. Der laut Augenzeugen tief enttäuschte und absolut niedergeschlagene Tübinger wollte keine Stellungnahme abgeben und wehrte alle Anfragen ab. Auch seine Frau und Trainerin Isabelle, die nicht dem Olympia-Team angehört, äußerte sich nicht zu der Entscheidung.

Heftige Kritik übte Helmut Digel. "Ich war zum ersten Mal Angeklagter in einem Verfahren, das mit meinem Verständnis von Fair Play und meiner moralischen Auffassung nicht übereinstimmte", sagte der sichtlich mitgenommene DLV-Präsident. Er vertritt die Ansicht, dass das Arbitration Panel für den Fall nicht zuständig gewesen sei. "Dies ist für uns eine Niederlage, weil wir die Auffassung vertreten haben, dass wir deutsches Recht zu beachten haben. Wir glauben, dass dieses Urteil deutsches Recht verletzt", meinte Digel.

Zugleich bemängelte der Soziologie-Professor, dass das dreiköpfige Gremium unter dem Vorsitz von Lin Kok Loh (Singapur) in der drei Tage dauernden Verhandlung nicht auf die Frage der Glaubwürdigkeit von Dieter Baumann eingegangen sei. Auch habe er als IAAF-Mitglied noch nie einen Fall erlebt, der "so durchgepeitscht wurde". Digel kündigte an, juristische Schritte gegen das Regelwerk des Verbandes zu prüfen. "Das hat aber nichts mit der Startberechtigung für Dieter Baumann hier bei den Olympischen Spielen zu tun." Lamine Diack hatte am 1. September gegenüber dem Tagesspiegel gesagt, es gebe eine Absprache zwischen der IAAF und dem IOC, dass in Sydney keine Athleten an den Start gehen sollten, deren Dopingverfahren noch nicht entschieden ist. Da Baumann nicht suspendiert war, wurde sein Verfahren entsprechend noch vor Beginn der Leichtathletik-Wettbewerbe in Sydney entschieden.

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