Sport : Aus Leidenschaft am Spiel

Welche Idee der Mainzer Trainer Jürgen Klopp vom Fußball hat

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In seiner ersten Trainingseinheit als Trainer von Mainz 05 hat Jürgen Klopp eine Ungeheuerlichkeit begangen: Er hat ohne Ball trainieren lassen. Hat die Spieler auf dem Trainingsplatz postiert und ihnen Laufwege und die taktische Grundordnung erklärt. Damals, im Februar 2001, blieb Klopp nur diese eine Trainingseinheit, um sein Team auf das Spiel gegen den MSV Duisburg vorzubereiten. Am Abend darauf gewannen die Mainzer 1:0.

Klopp ist Autodidakt. Er besitzt keinen Trainerschein, doch weil die Ausbildung des DFB ein bisschen in Verruf geraten ist, halten manche das sogar für einen Glücksfall. Die Modernisierung des deutschen Fußballs erfolgt längst vom Rande aus, und am Rande liegen Freiburg und Mainz. Freiburg hat Deutschland das Kurzpassspiel geschenkt, Mainz den Leidenschaftsfußball. Leidenschaft am Fußball ist die Basis des Mainzer Spiels, aber wer Klopp für einen dieser schlichten „Männer, ihr müsst brennen“Motivatoren hält, verkennt sein taktisches Geschick.

Klopp, der Autodidakt, hat am meisten von seinem früheren Trainer Wolfgang Frank gelernt, der die Mainzer Mitte der Neunziger mit Erfolg in ein taktisches Korsett gezwängt hat. Mainz war die erste Zweitliga-Mannschaft, die die Viererkette gespielt und auch verstanden hat (weit vor Franz Beckenbauer). Ihr Fußball war systematischer Fußball durch und durch. Unter Klopp ist er nur noch semi-systematisch. Bei Ballbesitz erlaubt Klopp totale Flexibilität, für die Verteidigung aber besitzt jeder Spieler eine klare Handlungsanweisung. Die Flexibilität im Angriff ist nur möglich, weil bei Ballverlust in der Mainzer Abwehr nicht gleich das Chaos ausbricht. Jeder Spieler weiß, was er dann zu tun hat. „Je flexibler du in der Offensive bist, desto schwieriger ist es, bei Ballverlust wieder die klare Ordnung zu finden“, sagt Klopp. „Das muss ganz schnell gehen.“ Die Mainzer trainieren das – immer noch ohne Ball.

Von Wolfgang Frank hat Klopp gelernt, „dass es deutlich weniger von der Tagesform oder vom individuellen Vermögen abhängt, ob man gewinnt“. Dass ein funktionierendes System individuelle Schwächen kompensieren kann, haben die Mainzer mit ihrem Aufstieg bewiesen. Rein nominell gab es deutlich bessere Mannschaften in der Zweiten Liga.

So gesehen wäre Jürgen Klopp der ideale Bundestrainer gewesen. sth

Jürgen Klopp, 37,

ist seit Februar 2001 Trainer von Mainz 05. Nach zwei vergeblichen Versuchen ist er mit dem Klub in diesem Jahr in die Bundesliga aufgestiegen.

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