Sport : Aus ohrenbetäubend wird ausnahmestill

Im „African Corner“ in Johannesburg leidet der ganze Kontinent – und fällt am Ende auseinander

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Xolani scheppert eine leere Bierflasche in die Tonne: „Afrika!“ Das erste Tor ist gefallen, Ghana führt, Afrika führt, alle führen. Seine Freunde platzen aus der Bar, Hände und Vuvuzelas in den Nachthimmel gereckt. Einer wirft sich auf den Asphalt, rollt über Glasscherben, Zigarettenkippen, Coladosen, andere werfen sich auf ihn und küssen ihn. Jemand startet den Motor seines Mercedes, Leute klettern aufs Dach und schwingen die ghanaische Flagge. Kinder heulen, irgendwo kracht es. Die Frauen singen: „Siyauuma Siwellelele Soccer City… “ – „Wir sind die besten, wir werden in Soccer City gewinnen…“

Auf der Straße vor der Bar in Yeoville, einem schwarzen Stadtteil von Johannesburg, herrscht ein ohrenbetäubender Ausnahmezustand. „African Corner“, der Name des komplett vergitterten Lokals, könnte nicht treffender sein. Hier feiern Leute aus Ruanda, Kongo, Zimbabwe, Nigeria und Ghana mit Südafrikanern. Ein Kontinent hinter den „Black Stars“. Xolani sagt: „Fußball ist eine Krankheit, die von einem auf den anderen überspringt. Niemand kann sich dagegen schützen.“ Irgendwer hat ihm eine Flasche Whiskey in die Hand gedrückt. Er will sie erst öffnen, wenn Ghana gewinnt.

Inmitten des Tumults steht Penelope, sie trägt ein rosa geblümtes Nachthemd, Pantoffeln und ein Haarnetz. „Ich hatte schon geschlafen“, kreischt sie, „aber das hier will ich mir nicht entgehen lassen.“ Sie reiht sich in den Kreis der Sängerinnen ein und stimmt die südafrikanische Nationalhymne an: „Nkosi Sikelel’ iAfrika ...“ Sofort singen alle mit. Wie das Spiel weitergeht, interessiert keinen mehr. Oder ist Halbzeit? Niemand weiß es. Auf die beschlagene Fensterscheibe hat jemand mit dem Finger „I LOVE GHANA“ gemalt.

Plötzlich kippt die Stimmung. Ein Tor für Uruguay? Nein. Sie prügeln mit großem Geschrei einen Taschendieb aus dem „African Corner“. Der steht auf, rennt so schnell er kann und flüchtet ausgerechnet in ein Polizeiauto, das an der Straßenecke wartet. Dann bricht eine Prügelei unter den aufgebrachten Verfolgern los, die Frauen wechseln von sanftem Gesang zu zornigem Gebrüll.

Brigette, eine Jura-Studentin im rosa Kapuzenpullover, steht daneben und schüttelt den Kopf, dass ihre goldenen Ohrringe ins Schleudern geraten. „Alle reden immer davon, dass wir auf diesem Kontinent eine große Familie sind, egal, aus welchem Land wir kommen“, sagt sie wütend. „Aber das ist nur heiße Luft: In der nächsten Sekunde schlagen wir uns wieder die Köpfe ein.“ In der Bar ist es verdächtig still geworden nach dem Ausgleichstreffer. Brigette sagt, sie interessiere sich erst seit zwei Wochen für Fußball und werde damit auch sofort wieder aufhören, wenn Ghana verliere.

Nachspielzeit. Vor dem „African Corner“ stampfen die Frauen weiter gegen die Kälte an, die durch alle Kleidungsschichten kriecht. Ein angolanisches Kamerateam hat seine Gerätschaften aufgebaut. „Wir sind hier, um eure enttäuschten Gesichter zu filmen“, sagt ein leichtsinniger Kameramann. Von irgendwoher fliegt eine Flasche. Das Team packt seine Sachen wieder ein und springt in einen Minibus.

Xolani hält seine Whiskeyflasche im Arm wie ein Neugeborenes. Irgendjemand bläst ihm mit einer metallenen Vuvuzela ins Ohr, er schubst ihn lachend weg. „Es ist ein großer Tag für Afrika“, sagt er. „Beim Elfmeterschießen machen wir sie fertig.“

Optimistisch bleiben sie im „African Corner“ bis ganz zum Schluss. Man hatte ihnen versprochen, dass diese Weltmeisterschaft Großes für den Kontinent leisten wird – aber was genau, wusste niemand so recht. Es war ein schöner Traum, der am Ende an der Torlatte zerplatzt. Es wird ganz leise in Yeoville, Stille ist hier wohl der eigentliche Ausnahmezustand. Ein Mann, der sich aus einer Ghana-Flagge ein Hemd geschneidert hat, presst beide Hände vor seinen Mund. Aus seinen Augen rinnen Tränen.

Innerhalb von Minuten sind alle verschwunden. Auch Xolani will nur noch nach Hause.

„Das war’s“, sagt er mit Grabesstimme und zieht seine Mütze tiefer ins Gesicht „Ich arbeite an meinem Kater von morgen.“ Dann schraubt er den Verschluss der Whiskeyflasche auf.

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