Sport : Ausgekugelt

Nach zwei Jahrzehnten Leistungssport verabschiedet sich Astrid Kumbernuss

Marco Bosch[Elstal]

Wenige Meter von dem Haus, wo Jesse Owens, der viermalige Olympiasieger von Berlin 1936, untergebracht war, ging gestern eine außergewöhnliche Karriere zu Ende. Im Olympischen Dorf in Elstal stieß Astrid Kumbernuss zum letzten Mal in ihrer Karriere die vier Kilogramm schwere Kugel. Im allerletzten Versuch brachte es die Olympiasiegerin von Atlanta 1996 und dreimalige Weltmeisterin auf 18,39 Meter und erreichte den vierten Platz.

Dass dies nicht zum Sieg bei dem Meeting reichte, das zum Beiprogramm des Istaf gehört, störte die Neubrandenburgerin nicht. „Ich bin froh, dass ich mich so verabschieden konnte“, sagte sie mit Tränen in den Augen.

Nach ihrem dritten Platz bei Olympia in Sydney 2000 blieben Kumbernuss große internationale Erfolge verwehrt. Nur bei nationalen Meisterschaften belegte sie noch vordere Ränge. Dennoch zog es fast 5000 Zuschauer zu ihrem Abschiedswettkampf vor die Tore Berlins. „Ich bin sprachlos, Mit so vielen Zuschauern hätte ich nicht gerechnet. Das war ein traumhafter Abschied“, sagte die 35 Jahre alte Athletin. Als Überraschungsgäste kamen die ehemaligen Weltrekordler Udo Beyer und Ulf Timmermann. WM-Bronzemedaillengewinner Ralf Bartels lobte Kumbernuss: „Sie hat das Kugelstoßen hoffähig gemacht.“

Rein sportlich setzten an diesem Nachmittag andere die Akzente. Die Magdeburgerin Nadine Kleinert gewann den Wettkampf deutlich mit 19,19 Metern. Auch für sie trat dies jedoch gestern in den Hintergrund: „Bei den großen Veranstaltungen werde ich sie vermissen, mir geht damit auch die Motivation ein bisschen verloren“, sagte die WM-Fünfte von Helsinki traurig. Bei ihrem letzten Versuch trat Kleinert unter Tränen aus dem Ring und machte den Versuch ungültig, die früheren Rivalinnen lagen sich lange in den Armen. Die Fans brachten dann mit zahlreichen Autogrammwünschen den Zeitplan inVerzug, die Siegerehrung musste verschoben werden. Auch Kumbernuss hatte das Ende ihrer Karriere hinausgezögert. Rückblickend sagte sie: „Ich hätte wahrscheinlich schon vor zwei Jahren aufhören sollen.“ Aber sie wollte es nochmal wissen, schließlich ist sie seit zwei Jahrzehnten Leistungssportlerin. Eine Fußverletzung vor Athen 2004 durchkreuzte ihre Vorbereitung, im historischen Olympia scheiterte die erfolgsverwöhnte Leichtathletin dann in der Qualifikation.

Das scheint jetzt vergessen. Sie hat zwar noch regelmäßig für ihren Abschiedswettstreit trainiert, aber ihr Lebensmittelpunkt ist bereits ein anderer. Sie ist froh, dass sie nicht wie andere Sportler nach der Karriere in ein Loch falle, „weil sie nicht wissen, wie es weitergehen soll.“ Im Oktober beginnt Astrid Kumbernuss ein Pflegemanagement-Studium, sie freut sich darauf. „Ich treibe weiterhin Sport, aber nur noch Bauch, Beine, Po – was Frauen so machen“, sagt die Mutter eines siebenjährigen Sohnes.

Der Wettkampf, der in der Talsenke des früheren Waldsees augetragen wurde, machte auch deutlich, dass der DLV sich gut auf die Zeit nach Kumbernuss eingestellt hat. Neben Siegerin Nadine Kleinert schaffte es die 21 Jahre alte Stuttgarterin Petra Lammert im Schatten der Großen mit guten 18,92 Metern auf den zweiten Platz. Astrid Kumbernuss fühlte sich bestätigt: „Mir ist nicht bange um das deutsche Kugelstoßen.“

siehe auch Sonntag

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben