Sport : Ausgerechnet Effenberg

Thomas Becker

Ein Bild der Ruhe und des Friedens: Eine Vogelschar hat sich auf dem ordentlich frisierten Rasen an der Säbener Straße niedergelassen. Nur ein paar rot-weiße Verkehrs-Hütchen erinnern daran, dass hier sonst junge Männer verbissen kämpfen: um einen Stammplatz beim derzeit erfolgreichsten Fußballklub Europas, dem FC Bayern München. Aber jetzt ist es still. Fast besinnlich wirkt der grüne Rasen mit den pickenden Vögeln. Doch mit einem Schlag ist die Idylle dahin, fliehen sie in kollektiver Hektik himmelwärts. Soeben ist er um die Ecke gebogen: sieht aus wie ein harmloser Jogger im rotblauen Trainingsanzug, ist aber "der beste Mittelfeldspieler der Welt" - sagt sein Trainer. Ist aber auch "der Nationalspieler mit dem wohl schlechtesten Image aller Zeiten" - sagte die "Süddeutsche Zeitung" vor sieben Jahren.

Zum Thema Fotostrecke I: Hertha Backstage
Fotostrecke II: Die Bilder der Saison 01/02
Bundesliga aktuell: Ergebnisse und Tabellen
Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Die Rede ist von Stefan Effenberg, dem Mann, der überall, wo er neben dem Spielfeld auftaucht, für ein veritables Durcheinander sorgt, sei es als Laienprediger auf der Kanzel der Pfarrkirche Sankt Franziskus in Mönchengladbach-Rheydt, als ohrfeigender Sitzplatzforderer in der Münchner Promi-Disco "P1", als potenzieller Preisträger der Auszeichnung "Sportler mit Herz" oder als wegen Tretens und Schimpfens Angeklagter. Und dieser Mann verspürt jetzt auch noch Lust auf Berlin. "Hertha zählt zu den gut organisierten Klubs in Deutschland. Warum nicht?", vertraute er der "Bild"-Zeitung an, was wiederum Herthas Manager Dieter Hoeneß auf den Plan rief: "Effenberg ist immer eine Option. Er könnte uns helfen." Ausgerechnet Effenberg.

Er ist der Kicker, an dem wohl die meisten Etiketten hängen: enfant terrible, Reizfigur, Leitwolf, Quertreiber, Egozentriker, Parade-Buhmann - eine lange, manchmal auch lustige Liste. Unterhaltsam ist auch die Lektüre seiner kernigsten Sätze. Als da sind: Selbstbekenntnisse zu "einer Mischung von Intelligenz und Frechheit, die irgendwie gut ankommt". Programmatische Sätze wie "Ich werde mich nie in das normale Glied der Bundesliga einreihen. Da gehöre ich einfach nicht hin". Unversöhnlich-Konsequentes wie "Ich kann nicht sagen, dass es mir Leid tut" (nach dem Stinkefinger bei der WM 1994). Persönlich-Analysierendes wie "Der Tiger, ein starkes und dominantes Lebewesen, das gefällt mir und passt zu mir" (zur Tigerkopf-Frisur zu Gladbacher Zeiten). Oder ein Klassiker: "Unabhängig von der Situation - ich spiele immer." Mit der Situation meint er nicht schlechtes Wetter oder ein Jucken am kleinen Zeh. Effenberg glaubt, dass er spielt, wann immer er will. Egal, ob ein Zidane, Figo, Deisler oder Ballack für seine Position verpflichtet wird. Wurscht, wer Trainer ist. Sekundär, wie alt und langsam er wird. Vollkommen nebensächlich, dass es auch ohne ihn prima läuft. Das ist Effes Welt. Die Realität sieht anders aus.

Effenberg, Sohn eines Maurers, Lehre als Dienstleistungskraft bei der Post, 35 Länderspiele, zuletzt dreimal in Folge Deutscher Meister, laut Uefa "wertvollster Spieler der Champions-League-Saison 2000/2001" - dieser Mann wird entbehrlich. Kommenden Sommer läuft sein Vertrag beim FC Bayern aus und die Wahrscheinlichkeit, dass er einen neuen bekommt, ist in etwa so hoch wie ein Schuhkarton für einen Stabhochspringer. "Wenn Deisler zu uns kommt, glaube ich nicht, dass Effenberg bei uns bleibt", verrät Bayerns Manager Uli Hoeneß. Dass Deisler kommt, hatte er zuvor versichert. Zwar kann sich Beckenbauer "ein Mittelfeld mit Effe, Ballack und Deisler gut vorstellen, denn von einem Effenberg können die beiden noch eine ganze Menge lernen", aber Trainer Ottmar Hitzfeld sagt: "Diejenigen, die jetzt spielen, werden es den anderen schwer machen, ins Team zu kommen."

Unruhige Zeiten für Effenberg, der nach einer Entzündung im rechten Fuß drei Monate aussetzen musste und kommende Woche zum Champions-League-Spiel gegen Sparta Prag sein Comeback plant. "Ich finde immer und überall meinen Platz, darüber mache ich mir keine Gedanken." Zwei Jahre will er noch spielen, vielleicht in die USA übersiedeln, auf jeden Fall selbst bestimmen, wie es mit ihm weitergeht.

Vielleicht in Berlin. "Natürlich habe ich über Effenberg nachgedacht", sagt Dieter Hoeneß, "er ist ein Spieler, der seinen Kopf auch dann hinhält, wenn es mal nicht so läuft. Er hat echte Führungsqualitäten."

Effenberg hat schon mal einen Wunsch fürs Karriere-Ende formuliert: "Wenn ich einmal aufhöre, dann sollen die Leute, egal, ob sie mich mögen oder nicht, mit meinem Namen etwas verbinden können. Ich möchte nicht als Unbekannter abtreten." Das dürfte wohl klappen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben