Sport : Ausland ist nicht gleich Ausland

Claus Vetter

Wenn Nordamerikaner oder Westeuropäer eine Reise nach Togliatti machen, dann haben sie nicht immer ihre helle Freude daran und kommen auch mal schneller zurück als geplant. Die Spieler des EHC Eisbären aus der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) zum Beispiel hatten vor gut drei Jahren bei ihrem Trainingslager in der russischen Industriestadt, rund 800 Kilometer östlich von Moskau gelegen, so manches Problem. Beim vorwiegend nordamerikanischen Personal der Eisbären mag dabei auch die in Übersee mitunter kultivierte Angst vor dem bösen Osten mitgeschwungen haben.

Derartige Vorurteile waren dem Schweden Fredrik Öberg fremd, als er sich im Juli auf nach Togliatti machte. Der Grund für den Trip war nicht unbedingt alltäglicher Natur für einen Eishockeyspieler aus Skandinavien. Öberg hatte einen Vertrag beim russischen Erstligisten Lada Togliatti unterschrieben. Im Normalfall kommen russische Spieler in den Westen, Europäer sind erst mit der zunehmenden Stagnation im Nachwuchsbereich in der einstigen Hochburg des internationalen Eishockeys gefragt. "Ich wollte unbedingt ins Ausland", erzählt Öberg, "da ich nur aus Russland ein Angebot hatte, bin ich eben dahin gewechselt. Natürlich ist das Leben in Togliatti ein anderes, vielleicht ein wenig chaotischer als in Westeuropa. Aber mir hat es gefallen, es war eine neue Erfahrung."

Eine Erfahrung von kurzer Dauer, schon nach 50 Tagen war die Episode Togliatti für Öberg erledigt. Der Trainer wurde abgelöst, es kam der in Deutschland bekannte Pjotr Worobjew - Sohn Ilja spielt in der DEL für Mannheim -, und der wollte keinen aufmüpfigen Schweden in seiner Mannschaft. "Worobjew hat mich behandelt wie einen Nachwuchsspieler", sagt Öberg. "Aber einen 29-Jährigen kannst du nicht mehr so formen, wie es dir passt."

Öberg hatte Glück, dass Olle Öst, Manager der Berlin Capitals, zur gleichen Zeit hektisch dabei war, kurzfristig eine Mannschaft zusammenzustellen. Dass der Schwede Öst mit Öberg nur einen seiner Landsleute für die Capitals loseisen konnte, war nicht beabsichtigt, sondern allein dem Theater der Berliner um ihre Lizenz geschuldet. "Neun Tage vor Saisonstart konnte ich erst Verträge anbieten", sagt Öst, "da waren bis auf Öberg alle Schweden, die ich haben wollte, schon weg."

Öst kannte Öberg bestens, obwohl der Stürmer in der Heimat lange auf seinen Durchbruch warten musste. Erst mit 23 Jahren bekam Öberg eine Chance in der ersten Liga. Dort spielte er aber in den vergangenen sechs Jahren, zuletzt bei HV 71 Jönköping, eine gute Rolle. Seine statistischen Werte belegen dies. Auch bei den Capitals, bei denen er bislang einen hervorragenden Eindruck hinterlässt. Am Freitag beim überraschenden 3:2-Sieg in Düsseldorf, erzielte Frederik Öberg seine Saisontore acht und neun. Zudem glänzt Öberg Spiel für Spiel als kompletter Spieler im Aufbau, bei Überzahl und in der eigenen Zone. Schwedische Schule eben. "Natürlich wird hier in der DEL ein anderes, körperbetontes, Eishockey gespielt als in Schweden", sagt Öberg. "Aber von der technischen Seite ist es nicht schlechter. Mir gefällt es jedenfalls sehr gut, auch weil wir bei den Capitals in der Mannschaft sehr gut harmonieren."

Diese Mannschaft steht - entgegen allen Prognosen vor Saisonbeginn - in der Tabelle überraschend gut da. Nur eines fehlt, und zwar Woche für Woche: angemessener Zuspruch seitens der Zuschauer. Wenn es nicht gerade gegen den Lokalrivalen EHC Eisbären geht, müssen die Capitals ihre Heimspiele vor halbleeren Rängen austragen. Damit hat Öberg nicht gerechnet, "aber was können wir als Spieler schon machen?" Hoffen, dass sich die Verantwortlichen mal etwas in Sachen Zuschauerwerbung einfallen lassen. Für das heutige Heimspiel gegen die Iserlohn Roosters (Beginn 18.30 Uhr, Deutschlandhalle) sind, mal wieder, keine Aktionen geplant.

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