Auslaufen mit Lüdecke : Darf man RB Leipzig loben?

Muss man jetzt eigentlich immer Kapitalismuskritik mitdenken, wenn man über Leipzig spricht? Geld haben andere doch auch. Findet unser Kolumnist.

Frank Lüdecke
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Liebe Leser, es ist kurz vor Weihnachten und bei Hertha brennt der Baum nicht. Das ist doch schon mal was. Trotzdem haben die Berliner schon wieder verloren. Man fragt sich: Ist denn schon Rückrunde? Die Niederlagen kommen doch immer erst in der Rückrunde, oder?! Egal. Nach zwei Pleiten in Folge trotzdem Vierter. Da ist wenig Spielraum für Kritik.

Eigentlich. Es sei denn, aus der kurzfristigen Tendenz wird etwas Beständiges, wenn Sie verstehen, was ich meine. Das Beständigste an Hertha ist ja die Überraschung. Immer wenn man meint, jetzt wird es ganz schlimm, dann geht es unvermittelt aufwärts. Und wenn man meint, was für eine tolle Phase… aber daran will ich jetzt gar nicht denken.

Gegen Leipzig darf man verlieren. Warum nicht? Im Grunde haben ja fast alle gegen Leipzig verloren. Das ist das Besondere an dieser Saison. Eigentlich ist ja der Rasenballsport Leipzig e.V. gar kein Fall für die Sportseiten, sondern für den Wirtschaftsteil. Oder die Soziologie. Überhaupt: Muss man jetzt eigentlich immer die Kapitalismuskritik mitdenken, wenn man über die Leipziger spricht? Darf man sagen, dass die einen sehr guten Fußball spielen? Oder ist man dann schon reaktionär? Liegt der Zündstoff der Debatte darin, dass ausgerechnet eine Stadt aus dem Osten mit turbokapitalistischen Mitteln die Liga aufmischt?

Und nun kommt es diese Woche auch noch zum absoluten Showdown. Da trifft Platzhirsch Bayern München auf die Parvenus aus Sachsen. Ich kann aber irgendwie nicht glauben, dass dann die Auswüchse des Kapitalismus (Leipzig) gegen die Segnungen des Wohlfahrtsstaats (München) antreten. Irgendwas stimmt da nicht mit der Gleichung. Denn trotz allem muss man solche Leistungen erst mal hinkriegen.

Geld haben ja andere Vereine auch. Aber gucken Sie mal, wo die stehen! Gladbach! Wolfsburg! Hamburg! Auch der HSV verfügt über alle kapitalistischen Möglichkeiten. Aber die Hamburger haben auch hohe sozialistische Anteile in ihrer Vereinsstruktur. Allein die Effektivität ihrer Abwehr bewegt sich derzeit auf dem Niveau eines Sportkombinats „Offenes Scheunentor Volksparkstadion“.

Um noch mal auf Leipzig zurück zu kommen: Verstehen kann ich das Unbehagen der Sportpuristen schon. Ich glaube jedoch, dass wir die Auswüchse des kapitalistischen Wirtschaftssystems (Anmerkung der Redaktion: Ja! Sie lesen immer noch den Sportteil!)… also dass wir die wesentlich besser an anderen Orten dieser Welt beobachten können. Gerade in diesen Tagen. Diese Orte sind definitiv keine Fußballplätze.

Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke schreibt hier jeden Montag über die Fußball-Bundesliga.

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