Auslaufen mit Lüdecke : Die Tatsachen entscheiden

Im Fußball darf es keine Fehlentscheidungen geben, Fehler der Schiedsrichter werden deshalb zu Tatsachen erklärt. Da hilft nur weiterspielen und sich an der spektakulären HSV-Abwehr erfreuen.

Frank Lüdecke
Foto: dpa

Im Fußball gibt es keine Fehlentscheidungen. Macht der Schiedsrichter einen Fehler, wird dieser Fehler zu einer objektiven Tatsache erklärt und man spricht von einer „Tatsachenentscheidung“. Selbst wenn er zugibt, ooouh!, da habe ich wohl einen Fehler gemacht, bleibt seine getroffene Entscheidung eine Tatsache. Das hat weitreichende Konsequenzen. Kürzlich entschieden die Justiziare des DFB, dass sich ein Ball, der neben das Tor geköpft wurde, aus sportrechtlicher Sicht im Tor befunden habe.

Im Fußball kann sich also ein Ball im Tor sowie neben dem Tor befinden. Und zwar gleichzeitig! Das ist physikalisch und philosophisch nicht ganz uninteressant. Für Menschen, die mehr im wirklichen Leben zu Hause sind, mag es verwirrend sein. Alle anderen wissen seit der F-Jugend: Der Schiedsrichter hat immer Recht.

Warum erzähl’ ich das? Weil in der Schlussphase des Spiels Wolfsburg gegen Dortmund der Spieler Lewandowski zweimal im Strafraum gefoult wurde. Der Schiedsrichter pfiff aber nicht Elfmeter für Dortmund, sondern traf zwei Tatsachenentscheidungen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und er machte damit den Kampf um die deutsche Meisterschaft noch langweiliger, als er ohnehin schon ist. Trainer Klopp war sichtlich um Fassung bemüht. Aber dann bewies er Spontaneität und Eleganz, die ja auch das Spiel seiner Mannschaft auszeichnen. Ohne den Schiedsrichter zu kritisieren, kritisierte er den Schiedsrichter. Kompliment. Eine rhetorische Meisterleistung, in der vor allem das Nichtgesagte hängen blieb.

Sie merken schon, das ist so eine richtige Novemberglosse. Die Tage werden kürzer und grauer, und die Sätze bekommen so eine melancholische Schwere. Doch bevor wir depressiv auf kahle Bäume oder nicht gegebene Elfmeter starren, sollten wir uns lieber Spiele des HSV ansehen. Spektakulär! Schon wieder fünf Gegentore! Jetzt bereits 29 in nur 12 Spielen! Ein Topwert in der DFB-Pannenstatistik. Das ist unterhaltsam, sofern man nicht HSV-Fan ist. Ich könnte mir vorstellen, diese Abwehr wird eines Tages noch ausgezeichnet. Vielleicht beim „Fernsehpreis“. Als beste Sitcom oder so. Etwas nachdenklich stimmt mich allerdings, dass zwei Spieler dieses Abwehrverbundes Bestandteil jener Mannschaft sind, die nächstes Jahr in Brasilien Fußballweltmeister werden möchte. Na toi, toi, toi!

Und Hertha? Jetzt gewinnen sie schon auswärts! Wo soll denn das alles noch hinführen? Wie viele Punkte wollen sie denn noch sammeln, gegen den Abstieg? Kaiserslautern hat mal als Aufsteiger so viele Punkte gegen den Abstieg gesammelt, dass es am Schluss für die Meisterschaft gereicht hat. Gut, die Gefahr besteht jetzt nicht... Etwas geholfen gegen Hoffenheim hat allerdings der Elfmeter für den formidablen Ramos. In meinem Augen eine eklatante Tatsachenentscheidung.

Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke schreibt jeden Montag über die Bundesliga.

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