Auslaufen mit Lüdecke : Fußball, der alte Freigeist

Dass der SC Paderborn jetzt in der Bundesliga spielt, ist vielen Experten noch immer ein Rätsel. Für unseren Kolumnisten ist die Tabellenführung des Aufsteigers allerdings die beste Pointe in einer Zeit, in der das Geld den Fußball kaputtmacht.

Frank Lüdecke
Gruß von oben: Paderborns Torjäger Elias Kachunga traf auch gegen Hannover.
Gruß von oben: Paderborns Torjäger Elias Kachunga traf auch gegen Hannover.Foto: dpa

Im Vorfeld dieser Saison gab es viele kapitalismuskritische Stimmen. Das Geld mache den Fußball kaputt, hieß es da, und gemünzt war das vor allem auf den Marktführer des Gewerbes. Einen Klub aus dem Süden, wo die Vorgesetzten Uhren schmuggeln oder Steuern hinterziehen.

Aber nun wollte uns die neue Saison beweisen, dass der Fußball doch unberechenbar ist und – wenn er gut drauf ist – sich jeder Marktlogik entzieht. Denn plötzlich steht am vierten Spieltag der Verein an der Tabellenspitze, der von allen Teams über das wenigste Geld verfügt. Hier muss ich die junge Saison aber mal ausdrücklich loben! Das war eine tolle Pointe, gerade in einer Zeit, in der das Geld den Fußball kaputtmacht. Ostwestfalen-Lippe galt bislang nicht unbedingt als Fußball-Hochburg und dass der SC Paderborn jetzt in der Bundesliga spielt, ist vielen Experten ohnehin noch ein Rätsel.

Hertha spielt mit der seit vielen Jahren teuersten Mannschaft einen richtig grauenhaften Fußball

Der Fußball ist und bleibt ein unabhängiger Freigeist – das ist die Botschaft der jungen Saison an uns Fußballromantiker. Das soll uns auch mit dem HSV bewiesen werden – in seiner ganzen Unberechenbarkeit. Erst entlassen sie ihren Trainer. Was nicht überraschend ist. Das machen die Hamburger immer nach drei Spieltagen. Nun haben sie also wieder einen neuen Übungsleiter – und was passiert? Sie spielen besser! Ein vielbeachtetes Unentschieden gegen die kapitalistischen Uhrenschmuggler und Steuerhinterzieher! Nach Aussagen von Beobachtern hätten sich die Hamburger Spieler regelrecht bewegt. Sogar die Abwehrspieler! Das sind überraschende Wendungen, damit konnte keiner rechnen.

Und auch unsere Hertha überrascht. Aber wie! Mit der seit vielen Jahren teuersten Mannschaft spielt sie einen richtig grauenhaften Fußball. Aber so was von grottig! Aus dem Spiel heraus in 90 Minuten kein einziger Torschuss! Gegen Freiburg! Auch damit war nicht zu rechnen. Doch zur Besorgnis besteht überhaupt kein Grund. Neutrale Experten haben bereits festgestellt: Die Mannschaft lebt noch! Das hätte man daran erkennen können, dass die Spieler nach dem späten Ausgleich gejubelt hätten. Mannschaften, die leblos sind, jubeln nicht nach erzielten Toren. Oder sie bemerken gar nicht, dass sie ein Tor erzielt haben, weil es ihnen sowieso egal ist.

Trainer Luhukay meinte nach dem schmuddeligen Unentschieden, das könnte eine „Initialzündung sein, für die nächsten Wochen“. Wäre natürlich schön, wenn schon diese Woche was in der Richtung passieren könnte und nicht erst nächste oder übernächste. Sonst wär es ja keine Initialzündung, sondern eine Spätzündung. Aber egal. So wie ich diese Saison einschätze, geschieht ohnehin schon nächstes Mal wieder etwas, womit nun gar keiner gerechnet hat. Vielleicht gewinnt Hertha ja am Mittwoch gegen Wolfsburg zweistellig? Oder Manager Preetz wird beim Uhrenschmuggel erwischt.

Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke schreibt hier jeden Montag über die Fußball-Bundesliga.

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