Auslaufen mit Lüdecke : Freundlich anbrüllen hilft!

In Berlin? Ist die Nummer zwei besser als die Nummer eins. In Hoffenheim? Treibt ein Motivationskünstler sein Unwesen. Und sonst? Ist allerhand los. Unser Kolumnist hat den Bundesliga-Spieltag unter die Lupe genommen.

Frank Lüdecke
Ein echter Brüller. Julian Nagelsmann, Trainer der TSG Hoffenheim.
Ein echter Brüller. Julian Nagelsmann, Trainer der TSG Hoffenheim.Foto: imago/Baumann

Herthas Torwart Rune Jarstein beglückte die Berliner Sportwelt dieser Tage mit einem verblüffenden Bekenntnis: Er habe noch nie ein Buch gelesen. Na und? Macht doch nichts. Ich habe noch nie einen Elfmeter gehalten, das ist alles eine Frage der Perspektive. Eigentlich ist ja nach Aussage von Trainer Pal Dardai Thomas Kraft die Nummer eins im Tor. Trotzdem spielt bei Hertha die Nummer zwei. Ich glaube, das liegt daran, dass die Nummer zwei besser ist als die Nummer eins.

Aber egal. Ein Unterschied zwischen beiden Torhütern ist mir jedenfalls aufgefallen. Wenn Thomas Kraft ein Gegentor erhalten hat, deutete er sofort auf irgendeinen Mitspieler und brüllte ihn an. Auch dann, wenn der Fehler eigentlich bei ihm selbst lag. Das mag natürlich auch daran liegen, dass es ziemlich kompliziert ist, sich selbst anzubrüllen.

Rune Jarstein brüllt eigentlich nie. Er ruht in sich. Und aus dieser Seelenhaltung heraus rettete er im Heimspiel gegen Wolfsburg mit zwei Glanzparaden in der Schlussphase das Unentschieden. Nun ist Kraft Deutscher und Jarstein Norweger. Mag da ein Zusammenhang bestehen? Die Weite des Landes? Das Wasser, die Fjorde und so? Ist der Deutsche einfach hektischer?

Der Berliner Kabarettist und Tagesspiegel-Fußball-Kolumnist Frank Lüdecke.
Der Berliner Kabarettist und Tagesspiegel-Fußball-Kolumnist Frank Lüdecke.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Ich frage das deshalb, weil Julian Nagelsmann, der neue Trainer von Hoffenheim, aus zwei Spielen vier Punkte holen konnte. Wie hat er das geschafft? Er ist offensichtlich ein fantastischer Motivationskünstler. Im Internet kursiert ein Video, in dem sich Nagelsmann an die U 19 der TSG Hoffenheim wendet. Spieler und Trainer haben in der Kabine einen Kreis gebildet und der Übungsleiter verabreicht den jungen Männern letzte taktische Finessen. Er brüllt in die Runde: „Ich möchte, dass ihr jetzt rausgeht und den Gegner jagt, nein, heut’ jagen wir jeden Rekord! Holt euch den Dreier!“ Die drei Punkte im Spiel gegen Mainz gingen tatsächlich nach Hoffenheim. Mich erinnert das stark an eine Szene aus dem „Sommermärchen“-Film über die WM 2006 von Sönke Wortmann, dem Pressesprecher des DFB. Da sieht man auch, wie sich Trainer Jürgen Klinsmann an die deutsche Mannschaft wendet, in der Kabine. Im Vorrundenspiel gegen Polen motiviert er seine Spieler mit den Worten: „Wir gehen da jetzt raus und hauen die Scheiße weg! Wir knallen die Polen durch die Wand! Und wenn was passiert, Brust raus! Und eins auf die Fresse geben! Nur wer den Krieg will, geht als Sieger vom Platz!“

So. Das sind Worte, die verblüffen natürlich erst mal. Krieg? Polen? Wegknallen? Aber dann sind die deutschen Spieler raus – und haben die Polen durch die Wand geknallt. Da kann man jetzt sagen, Wertewandel hin oder her. Aber wenn unsere Geschichte eines gezeigt hat, dann das: Der Deutsche ist immer dann am leistungsfähigsten, wenn man ihn anbrüllt.

Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke schreibt hier jeden Montag über die Fußball-Bundesliga.

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