Auslaufen mit Lüdecke : Hamburgs Krise, Braunschweigs Glück

Kabarettist Frank Lüdecke kommentiert immer montags das Geschehen in der Fußball-Bundesliga. Diesmal beschäftigt er sich mit zwei Vereinen, die mit ihrer Krise ganz unterschiedlich umgehen.

Mensch, Schiri! Die Braunschweiger ärgern sich über eine Entscheidung von Peter Gagelmann. Foto: dpa
Mensch, Schiri! Die Braunschweiger ärgern sich über eine Entscheidung von Peter Gagelmann.Foto: dpa

Dieser Spieltag war etwas ganz Besonderes. Wann hat es das je gegeben? Seit Wochen wurde für ihn in den deutschen Innenstädten geworben. Auf riesigen Plakaten stand zu lesen: „Das Tor entscheidet.“ oder „Die Mitte entlasten – mehr über die Flügel!“ Und in den Medien versuchten uns Experten zu überzeugen, wie wichtig es diesmal sei, wirklich hinzugehen, in die Stadien. Umso überraschender nun das Ergebnis! Nehmen wir es gleich vorweg: Es hat nicht gereicht für Schwarz-Gelb! Die Roten dagegen haben einen überragenden Sieg davongetragen. Vier zu null bei Schalke! Was ist dagegen das popelige 1:1 der schwarz-gelben Dortmunder in Nürnberg? Nein, die Dortmunder haben ihr Ziel diesmal nicht erreicht. Wie auch? Sie spielten die erste Halbzeit ohne Lewandowski, die zweite ohne Reus. Das ist so, als würde die FDP ohne Rösler und Brüderle antreten. Obwohl, vielleicht kein so guter Vergleich. Na egal.

Gespannt war man auf den HSV. Sie hatten in Hamburg Anfang der Woche ihren Übungsleiter Thorsten Fink entlassen. Würde das gut gehen? Doch man muss sagen, ja! Es hat sich gelohnt! Mit dem 0:2 gegen Bremen hat die Mannschaft eindrucksvoll bewiesen, dass sie sehr gut auch ohne ihren Trainer ein Heimspiel verlieren kann. Der Hamburger Milliardär Klaus-Michael Kühne wäre ja noch immer bereit, weitere Millionen in den Verein zu pumpen, würde man nur nach seinen Vorstellungen agieren. Das Problem: Agiert man nach seinen Vorstellungen, würden die Millionen auch bitter nötig sein. Man munkelt, der Mann habe von Fußball nicht so viel Ahnung. Er habe nur Geld. Schade.

Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke schreibt bei uns jeden Montag über die Fußball-Bundesliga. Zeichnung: Tsp
Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke schreibt bei uns jeden Montag über die Fußball-Bundesliga.Zeichnung: Tsp

Bei mir zum Beispiel ist es genau umgekehrt. Ich verstehe unglaublich viel von Fußball, ich verfüge wirklich über ein profundes Halbwissen, aber meine finanziellen Möglichkeiten reichen nicht aus, um den HSV zu retten. Aber so ist das im Leben. Irgendwas fehlt immer. Und man kommt nie so recht dahinter, warum das so sein muss. Was fehlt zum Beispiel dem Leverkusener Mittelstürmer Stefan Kießling? Er hat wieder ein Tor geschossen, im Spiel davor sogar zwei. Er führt die Torschützenliste (mit) an. Er war Torschützenkönig der letzten Saison. Er könnte nächstes Jahr auch Weltfußballer werden. Für die Nationalmannschaft wird es nie reichen. Da stellt Jogi Löw eher Philipp Lahm in den Sturm. Tja, man steckt nicht drin.

Doch nun zu etwas Erfreulichem. Etwas, das diesen Spieltag überdauern wird. Und das ist die selbstbewusste Analyse von Braunschweigs sympathischem Trainer Torsten Lieberknecht. Er schlussfolgerte nach der 1:4-Niederlage gegen Gladbach: „Wir sind im Soll.“ Man muss dazu wissen, dass die Braunschweiger von sechs Spielen fünf verloren haben. Braunschweig ist Letzter. Kein einziger Sieg. Aber mit diesem bemerkenswerten Statement entzieht sich Braunschweig souverän der kalten Logik von Effizienz, Wachstum und des „Immer mehr“ (Mehr Tore! Mehr Punkte!). Sie sagen einfach: Ja, wir verlieren alles, aber uns reicht das. So erscheint Eintracht Braunschweig als eine letzte Oase der Bescheidenheit und des stillen Glücks, die in der westlichen Welt so selten anzutreffen sind. Schade eigentlich, dass es nur eine Saison so bleiben wird.

Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke schreibt hier jeden Montag über die Fußball-Bundesliga.

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