Auslaufen mit Lüdecke : Hertha und die Angst vor der Heuschrecke

Da spielt Hertha seit langem mal wieder eine tolle Bundesligasaison und schon befinden sie sich im Portfolio eines Private-Equity-Unternehmens. Aber wie geht's weiter? Wird Hertha filetiert, liquidiert und in einen Vergnügungspark umgewandelt?

Frank Lüdecke
Foto: AFP

Kompliment an den HSV! Seit Gründung der Bundesliga ist diese Mannschaft ununterbrochen dabei! Und sie geben sich alle erdenkliche Mühe, dass diese Tradition endlich durchbrochen wird. So wie es aussieht, schaffen sie das auch. Locker. Sie bringen jedenfalls alle erdenklichen Qualitäten dafür mit. Vielleicht entlassen sie ja noch mal ihren Trainer, van Marwijk. Der ist ja auch schon wieder vier Monate im Amt…

Eine Nachricht aber überstrahlt diesen Spieltag. Bei weitem! Und das ist dieser sagenhafte Finanzdeal, der über 60 Millionen Euro in die Kassen von Hertha BSC spült. Also eines muss man Hertha lassen: Für Überraschungen sind sie immer gut. Da spielen sie seit langem mal wieder eine tolle Bundesligasaison. Und zack! Schon befinden sie sich im Portfolio eines Private-Equity-Unternehmens. Erstaunlich. Und Werder Bremen muss mit Geflügel werben! Freiburg mit Joghurt! Gut, andere haben Gazprom als Unterstützer oder die Postbank. Aber ein amerikanisches Private-Equity-Unternehmen? So richtige Heuschrecken? Mit Firmensitz New York? Da schießen wir nun wieder den Vogel ab.

Man fragt sich natürlich, was ist eigentlich die Gegenleistung? Wie zu hören war, erhält KKR einen Sitz im Aufsichtsrat und – man staune! – die Mobilfunknummer von Finanzchef Ingo Schiller! Wow! Hätte ich nicht gedacht. Dass man aus Ingo Schillers Handynummer so einen Wert generieren kann. Zumal, so wie man die Amerikaner einschätzt, an Telefonnummern kommen die eigentlich auch preiswerter. Egal. Vielleicht könnte die Summe sogar noch verdoppelt werden, indem man auch Preetz’ Anschluss offenlegt.

Ich will hier nichts miesmachen. Aber wie sagte Robert Musil? „Das Leben baut nichts auf, wozu es die Steine nicht anderswo herausbricht.“ Wenn ich mal die letzten 30, 40 Jahre Revue passieren lasse, kaufmännisches Geschick gehörte bislang nicht zu Herthas Kernkompetenzen. Hoffen wir mal, dass sich da was Gravierendes geändert hat. Eine Spezialität unseres neuen strategischen Partners besteht ja darin, Firmen aufzukaufen, in Einzelteile zu zerlegen und dann zu verscherbeln. Der normale Gang der Dinge wäre also der: In ein paar Jahren kann Hertha irgendeine Frist nicht einhalten, von der keiner was gewusst hat. Schiller erklärt, das sei auch fies gewesen. Der ganze Vertragstext auf Englisch! Und sooo viele Seiten! Hätte man damals nicht alles lesen können.

So ähnlich hat auch seinerzeit Thilo Sarrazin als Finanzsenator das Fiasko für die BVG mit den Cross-Border-Leasing-Geschäften erklärt. Was passiert also? Nach Fristverstreichung wird Hertha BSC vertragskonform liquidiert und filetiert. Ramos wird an Dortmund verkauft, Lasogga an einen Zweitligisten (HSV). Auf dem Vereinsgelände errichten die Amerikaner einen Vergnügungspark („Hertha’s Fairground“) mit einem tollen Riesenrad („Schiller’s Circle“), sowie eine LKW- Waschstraße. Aus der Jugendakademie wird ein Fitnesscenter, zu dessen Einweihung Madonna und Robbie Williams erscheinen. Und Ingo Schiller belegt bei Berlitz einen Englisch-Sprachkurs für Fortgeschrittene. Nur Werder Bremen muss immer noch für Geflügel werben.

Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke schreibt jeden Montag über die Fußball-Bundesliga.

45 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben