Auslaufen mit Lüdecke : Körpersprache im Bezahlfernsehen

Unser Kolumnist Frank Lüdecke wundert sich über den bunten Strauß toller Ideen beim Bezahlsender Sky: Vom Körpersprachen - bis zum Lautstärkenexperte ist alles vertreten. Fehlt nur noch ein Gedankenleser.

Frank Lüdecke
Was sagt der Pep da? Irgend ein Körpersprachenexperte von Sky kann das Rätsel sicher lösen. Foto: dpa
Was sagt der Pep da? Irgend ein Körpersprachenexperte von Sky kann das Rätsel sicher lösen.Foto: dpa

Heute möchte ich über einen Bezahlsender schreiben. Ich sage deshalb „Bezahlsender“, weil ich „Sky“ hier nicht erwähnen darf. Der Bezahlsender übertrug live den absoluten Knüller dieses Spieltages. Die beiden besten deutschen Fußballmannschaften trafen aufeinander. Die beste ist Tabellenerster, die zweitbeste steht in der Abstiegszone. Noch hinter Hertha! Um dem Anlass gerecht zu werden, hat sich der Bezahlsender einen bunten Strauß toller Ideen einfallen lassen.

So gab es zum Beispiel einen Lippenleser, der die Anweisungen des Bayern-Trainers übersetzte. Dieser Mann will auf Lippen des Spaniers den Satz gelesen haben: „Sturm, Subotic – Feuer frei!“ Oder so ähnlich. Das ist eine ziemlich sinnfreie Aussage, für die es meiner Ansicht nach nur zwei Erklärungen gibt. Entweder der Lippenleser hat da was falsch abgelesen. Oder der Bayern-Trainer ist nicht ganz dicht. Ich tendiere zu Ersterem. Vor allem deshalb, weil der Bezahlsender noch mit weiteren sportfolkloristischen Einlagen verblüffen konnte.

So wurde plötzlich ein Experte für Körpersprache eingeblendet. Der analysierte den Jubel auf der Bayern-Bank. Dort wurde nämlich Guardiola – oder wie Bezahlfernsehen-Experte Lothar Matthäus sagen würde: „Gurdiola“ – von Sportvorstand Sammer umarmt und dabei am Kopf berührt. Das sei eine „Dominanzgebärde“, aus der man vieles schließen könne. Was genau, konnte der Experte nicht sagen. Merkwürdig, kaum war der Körpersprachen-Experte im Bild, habe ich mir unweigerlich auch an den Kopf gefasst. Wie schon bei den Darbietungen des Lippenlesers. Aber ich habe daraus etwas geschlossen. Und zwar Folgendes: Ich vermute, es gibt beim Bezahlfernsehen im Verhältnis zur tatsächlichen Spielzeit zu viel Sendekapazitäten. Deshalb braucht man Lippenleser und Körpersprache-Experten, und deshalb sitzt Lothar Matthäus an einem Tisch am Spielfeldrand und muss Experte genannt werden. Aber das wird noch nicht das Ende sein!

Demnächst werden Sie Gedankenleser an der Seitenlinie aufstellen, die uns in Echtzeit erklären, ob Arjen Robben vorhat, rechts oder links vorbeizuziehen. Und daneben stehen dann zwei Biopsychologen, die nach jedem missglückten Dribbling klarstellen, was da gerade beim Holländer neuronal schiefgelaufen ist.

Was es tatsächlich bereits gab, war ein „Lautstärkenexperte“. So wurde der Mann jedenfalls angekündigt: Lautstärkenexperte! Er verriet, dass es in Gelsenkirchen am lautesten war. 110,7 Dezibel. Sagt Ihnen das was? Mir nicht. In München war es zeitweilig leiser als in Leverkusen. Warum, weiß keiner. Hier fehlte mir nun wirklich die Interpretation eines Psychoakustikers, der die Differenz in der Schallwahrnehmung regional ausdeuten kann. Was der Bezahlsender auch noch nicht bieten konnte, war ein „Intelligenzexperte“. Der einem darlegt, wo es im deutschen Fernsehen samstags zwischen 15 und 21 Uhr am dümmsten zugeht. Ich hab’ da ja so eine Idee, wenn ich meine Körpersprache richtig deute.

Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke schreibt hier jeden Montag über die Fußball-Bundesliga.

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