Auslaufen mit Lüdecke : Vedad Ibisevic und Wörter mit „Sch“

Was hat der Stürmer von Hertha BSC vor seinem Platzverweis denn nun gesagt? Unser Kolumnist fordert Lippenleser und Gebärdendolmetscher in der Bundesliga.

Frank Lüdecke
Schiedsrichter Tobias Stieler schickte Herthas Kapitän Vedad Ibisevic vorzeitig unter die Dusche. Foto: Thomas Frey/dpa
Schiedsrichter Tobias Stieler schickte Herthas Kapitän Vedad Ibisevic vorzeitig unter die Dusche.Foto: Thomas Frey/dpa

Im Spiel gegen Mainz flog Herthas Stürmer Vedad Ibisevic in der letzten Spielminute vom Platz. So späte Platzverweise sind bei Trainern außerordentlich beliebt, weil die eigene Mannschaft dann nur einen sehr kurzen Zeitraum dezimiert weiterspielen muss.

Aber was war passiert? Ibisevic hatte sich nach einem Zweikampf an der Schläfe verletzt und blutete. Der Schiedsrichter forderte ihn daraufhin auf, sich an der Seitenlinie behandeln zu lassen. Ibisevic will dem Schiedsrichter geantwortet haben: „Das ist schlecht, ich möchte weiterspielen.“ Daraufhin stellte ihn der Schiedsrichter unvermittelt mit Rot vom Platz. Denn er hatte verstanden: „Du bist scheiße.“

Tja. In diesem kleinen Diskurs ist offensichtlich etwas schief gelaufen. Entweder hat jemand etwas falsch verstanden oder ein anderer hat etwas gesagt, woran er sich aber nicht mehr richtig erinnern kann. Im Fußball ist das leider keine Seltenheit. Es ist schon oft vorgekommen, dass erregte Spieler dem Referee zuriefen: „Herrjeee, ich habe die Herdplatte angelassen!“ Und der Unparteiische verstand: „Was pfeifst du denn für eine Grütze, du schwule Sau?“

Der Schiedsrichter des Hertha-Spiels versichert, er habe ein Wort mit „sch“ gehört und es sei nicht das Wort „schön“ gewesen. Aber vielleicht war es ein anderes? Die deutsche Sprache kennt viele Wörter mit „sch“. Worum geht es hier also? Um die scheinheilige Schmierenkomödie eines schäbigen Schwindlers? Oder fällt schwerer Schatten auf den Scharfsinn des Schiedsmannes? Das bleibt schlechthin schleierhaft und wir geraten hier in eine semantische Sackgasse. Deshalb fordert der Hertha-Stürmer den DFB nun auf, einen Lippenleser einzuschalten.

Ich finde das eine gute Idee. Denn im modernen Fußball sollte man nichts unversucht lassen, um sportlicher Gerechtigkeit Genüge zu tun. So gibt es ja inzwischen neben dem Schiedsrichter auch zwei Linienrichter und einen vierten Offiziellen. Es gibt einen Videoschiedsrichter und einen Videoschiedsrichterassistenten. Da sollte eigentlich auch noch Platz sein, für einen Lippenleser und einen Lippenleserassistenten. Wie gesagt, ich finde diesen Vorschlag durchaus berechtigt.

Aber auch halbherzig. Denn was ist mit nonverbaler Kommunikation? Wenn sich Unparteiische wegen angeblich obszöner Gesten beleidigt fühlen, obwohl die Spieler mit ihrem Zeigefinger nur die Haare aus der Stirn wischen wollten. Hier wäre der Einsatz von Gebärdendolmetschern oder speziellen Zeichendeutern sinnvoll.

Und zumindest im Berliner Olympiastadion finden sich noch ausreichende Platzkapazitäten für Gebärdendolmetscher- und Zeichendeuterassistenten.

Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke schreibt hier jeden Montag über die Fußball-Bundesliga.

1 Kommentar

Neuester Kommentar