Auslaufen mit Lüdecke : Vorauseilende Wirklichkeit

Hertha BSC ist klug genug, an die Wirklichkeit keine Ansprüche zu stellen. Und das ist richtig so, denn es reicht, wenn man beim Fußball bleibt.

Frank Lüdecke
Zwillinge im Hause Esswein? Wohl eher nicht, sonst hätte der Berliner (li.) in Frankfurt womöglich zwei Mal getroffen.
Zwillinge im Hause Esswein? Wohl eher nicht, sonst hätte der Berliner (li.) in Frankfurt womöglich zwei Mal getroffen.Foto: AFP/Roland

Ooouh, heute wird’s anspruchsvoll. Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking sagte nämlich nach dem 1:2 gegen den Tabellenletzten Bremen etwas sehr Kluges: Es gebe Defizite zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Und das stimmt. Überall kann man das beobachten. Wenn ich auf mein Konto gucke zum Beispiel. Da erkenne ich auch ständig ein großes Defizit zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Oder wenn ich an das Spitzenpersonal des Berliner Wahlkampfs denke. Oder an die Verschiebung der Verschiebung der Verschiebung der Flughafeneröffnung. Und, und, und. Da könnte man noch tausend Beispiel nennen.

Muss man aber nicht. Es reicht, wenn man beim Fußball bleibt. Denn der Fußball ist doch nichts anderes als das Leben im Kleinen. Die sportliche Metapher auf unsere Wirklichkeit, die immer diese blöden Defizite hat mit dem Anspruch.

Das ist im Grunde auch das Kernproblem des Hamburger SV. Eine prima Leistung gegen Bayern München und trotzdem verloren. Was bleibt? Noch kein Sieg, drei Spiele ohne Tor. Nun fragen sich alle, wird Trainer Bruno Labbadia entlassen? Die Frage ist aber falsch gestellt. Die Frage muss lauten: Wann wird Trainer Labbadia entlassen? Denn der HSV entlässt nämlich in jeder Saison seinen Trainer. Ich glaube, das steht auch in der Satzung bei denen. Und ob Sie es glauben oder nicht. In dem Moment, da ich diese Zeilen schreibe (Sonntag 11.21 Uhr), werfen sie ihn tatsächlich raus. Das ist vorauseilende Wirklichkeit. Aber so ist der HSV. Seit Jahren ein Verein, der permanent zwischen Anspruch und Wirklichkeit immer das Defizit darstellt.

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Schade. Hertha BSC dagegen ist klug genug, an die Wirklichkeit keine Ansprüche zu stellen. Weil man nämlich keinen Bock mehr hat, auf die verdammten Defizite. Seitdem läuft es auch viel besser. Früher bestand Hertha ja immer nur aus Anspruch und hatte darüber die Wirklichkeit etwas aus den Augen verloren. Ich glaube, das hat auch mit uns Berlinern zu tun und einer gewissen genetischen Disposition.

Aber egal. Hertha ist jedenfalls hervorragend in die Saison gestartet. Die Berliner sammeln nicht nur fleißig Punkte sondern spielen auch richtig tollen Fußball, wie das 3:3 gegen Frankfurt zeigte. Neuzugang Alexander Esswein widmete sein Tor übrigens mit einem speziellen Jubel seiner schwangeren Freundin. Schade, dass sie keine Zwillinge bekommt. Dann hätte er ihr zwei Tore widmen können, Hertha hätte gewonnen und stünde jetzt auf einem Champions-League-Platz. Um das mal ganz bescheiden anzumerken. Aber so ist sie, unsere Wirklichkeit, selbst wenn sie sich wohl fühlt. Ein bisschen Defizit ist immer.

- Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke schreibt hier jeden Montag über die Fußball-Bundesliga.

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