Sport : Ausreden und Aufreger

Das Tennis-Turnier am Hamburger Rothenbaum ist in der Krise – auch wenn dieses Jahr wieder mehr als 100 000 Besucher kamen

Morten Holm[Hamburg]

Im Grunde ist in dieser deutschen Tenniswoche nur einmal über Tennis geredet worden. Das war am Mittwoch, als der beste deutsche Profi Nicolas Kiefer nach einer schlechten Leistung in der zweiten Runde beim Turnier am Hamburger Rothenbaum gegen Max Mirnyi ausschied. Kiefer hatte zuvor fünf Mal gegen Mirnyi gewonnen, unter anderem vor knapp vier Wochen in Monte Carlo. Mirnyi wiederum hatte in dieser Sandplatzsaison noch kein Spiel für sich entschieden.

Einmal kurz ging es also um Tennis als Sport, um die Frage, warum Kiefer gegen den ausrechenbaren Weißrussen kein besseres Konzept gefunden hatte. Doch die Spielanalyse ging bald in einer größeren Fragestellung auf, die die Wochenmitte am Rothenbaum bestimmte und in ihren Auswirkungen bis zum Freitag reichte: Warum sind die deutschen Tennisspieler so schlecht am Rothenbaum? Der letzte Sieger war Michael Stich vor 13 Jahren. Als Kiefer und später Davis-Cup-Kapitän Patrik Kühnen den langsamen Platz am Rothenbaum für das schnelle Ausscheiden der Deutschen mitverantwortlich machten, und Kiefer sogar sagte: „Hätten wir Rasen in Hamburg, würde es vielleicht anders aussehen“, da platzte dem geplagten Turnierdirektor Walter Knapper der Kragen. „Mir reichen die Ausreden. Kühnen soll lieber darauf achten, dass seine Jungs den Ball richtig treffen“, sagte Knapper. So entstand eine klassische Mediengeschichte nach dem Schema: Einer sagt was, der andere antwortet, ohne dass sie miteinander gesprochen haben – und wieder war die Berichterstattung für einen Tag gesichert.

Der Streit, der keiner war, weil sich Knapper und Kühnen in einem Gespräch am Freitag wieder vertrugen, war nach den Absagen der Stars Roger Federer und Rafael Nadal und dem Scheitern der Deutschen der dritte Aufreger einer völlig unaufregenden Woche am Rothenbaum. Es hat seit Jahren nicht mehr so schlechte Werbung für das mit mehr als zwei Millionen Euro dotierte, glänzend organisierte Masters-Turnier am Rothenbaum gegeben. Hinzu kamen vergleichsweise unbekannte Profis in den Viertel- und Halbfinalspielen, schlechtes Wetter und ein provinzielles Rahmenprogramm.

Scheich Mohammad Bin Faleh al-Thani hat sich das alles angesehen und nur geschwärmt von der „großartigen Veranstaltung“ am Rothenbaum. Der Präsident des Tennisverbandes von Katar hält 25 Prozent der Anteile am Turnier. Al-Thani ist ein freundlicher, höflicher Mann, der nie nach vorne preschen würde. Zwei Sätze von ihm sind daher besonders bemerkenswert. Zum einen hat er gesagt: „Das Turnier bleibt in Hamburg.“ Entscheiden kann al-Thani nicht darüber. Trotzdem haben Knapper und Georg von Waldenfels, der Präsident des Deutschen Tennis-Bundes (DTB), das gern gehört. Die zweite Aussage haben sie vielleicht nicht so gern gehört: „Wir werden nach der Veranstaltung ein paar Vorschläge machen, wie in Abstimmung mit der Spielerorganisation ATP und dem DTB das Unterhaltungsprogramm auf der Anlage verbessert werden kann.“ Der Rothenbaum als Scheichtum? In Berlin hat sich die Anmutung des Frauen-Turniers inzwischen komplett verändert, schließlich gehört es den Scheichs inzwischen. In Hamburg war dieses Jahr nichts zu sehen vom Trend zur Wüste, gar nichts. Es ist so wie jedes Jahr. Bier- und Bratwurstbuden, Lachs und Sekt, ein paar Shopping-Buden, eine meist leere Showbühne. Es gäbe genug, was sich verbessern ließe.

Die Frage ist nur: Will das jemand? Und: Wem nützt das? Es gibt nämlich eine verlässliche Größe am Rothenbaum – die Zuschauer. Auch in diesem Jahr werden es am Sonntagabend wieder mehr als 100 000 Menschen sein, die das Turnier besucht haben. Sie wollen im Grunde nur eines: gutes Tennis sehen. Am liebsten natürlich mit Federer und Nadal. Wenn nicht, dann eben mit Radek Stepanek und Tommy Robredo.

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