Sport : Ausrutscher mit Folgen

Ernst Podeswa

Was so ein kleiner Querschläger alles bewirken kann: Er durchkreuzt persönliche Vorhaben und familiäre Entwürfe - und mitunter sogar Planungen und Strategien eines ganzen Verbandes.

Passiert ist der kleine Betriebsunfall der Rekord-Weltmeisterin im Eisschnelllauf Gunda Niemann-Stirnemann. In Salt Lake City im Februar wollte die 19-malige Weltmeisterin und dreifache Olympiasiegerin ihren Meriten weiteren Glanz beifügen. Doch im Sommertraining gab es diesen, wie die 35-jährige Erfurterin es nennt, "Querschläger". Verursacht von Oliver Stirnemann. Der Schweizer nahm die Nachricht von der Schwangerschaft seiner Gattin etwas überrascht zur Kenntnis. Denn als Manager der erfolgreichsten Eisläuferin aller Zeiten weiß er nur zu gut, dass durch die Babypause das Familieneinkommen um eine sechsstellige Summe geschmälert wird.

Günter Schumacher, Sportdirektor der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), schließt nicht aus, dass die Nachricht von dem freudigen Ereignis auch Verbandssphären tangiert hat. Denn einen Tag später signalisierte ein Nahrungsmittel-Unternehmen, es habe kein Interesse mehr am Status des Hauptsponsors. Ein Betrag "so zwischen 300 000 und 600 000 Mark" ging der DESG verlustig. Dafür hätte der Lebensmittelhersteller vier von sechs Logos auf den Laufanzügen der deutschen Topathleten besetzen dürfen. Vielleicht sah der Sponsor im Winter ohne die Galionsfigur Gunda Niemann-Stirnemann einen verringerten Werbeeffekt. "Ich weiß nicht, ob da ein Zusammenhang besteht oder der Rücktritt nur zufällig war", sagt Schumacher. Auf alle Fälle kam die Absage im ungünstigen Moment. Zehn Tage vor Saisonbeginn.

"Das war der zweite herbe Schlag", sagt Peter Rühberg. Der Geschäftsführer einer Marketing-GmbH aus Erfurt hatte den gescheiterten Deal im Auftrag der DESG mit der Lebensmittelkette eingefädelt. Den ersten Schlag ins Marketingkontor des Verbandes hatte es im Sommer gegeben, als der bisherige Partner der Eisläufer seine Option überraschenderweise nicht wahrnahm. "Der neue Vorstand des Getränkeunternehmens hatte sich entschieden, Werbung über Kino und Fernsehen fortzusetzen", sagt Schumacher.

Was dann am jüngsten Wochenende aus Den Haag vermeldet wurde, wertet er jedoch eher als Nadelstiche denn als kräftigen Hieb. Nach sieben Siegen in sieben Weltcuprennen wetterte Anni Friesinger gegen die Verbandsbürokraten. Neben den zwei erlaubten Logos von Individualsponsoren wollte sie zwei freie Verbandslogos durch weitere Privatsponsoren besetzen. Nach Angabe ihres Managers Klaus Kärcher waren jene bereit, jeweils 250 000 Mark dafür zu zahlen. Wovon wie üblich eine Art "Solidarbeitrag" an die DESG fließen würde.

Der Haken an der Sache: Der Verband hat die Logos bis zum 1. Januar für Privatvermarktung freigegeben - die Sponsoren wollen die Viertelmillion nur dann überweisen, wenn sie bis März auf dem Trikot sichtbar sind.

"Ich verstehe den Unmut von Anni und das Interesse von Kärcher, aber wir müssen an alle denken", sagt der Sportdirektor. Man brauche den Platz für den Verbandssponsor, denn der würde mithelfen, "die Trainer und Lehrgänge für alle zu finanzieren". Gemeindenken vor Eigennutz - ob das die 24-jährige Inzellerin gegen jeden Zeitgeist akzeptiert? Schumacher hofft es. Und er ist guten Mutes, dass bereits zu den Deutschen Meisterschaften nach Weihnachten der neue Verbandssponsor und wenig später bei der EM in Erfurt präsentiert werden kann.

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