Sport : Aussagen weiterer Doping-Opfer

Frank Bachner

Nach dem Arzt-Termin dauerte die Karriere der Kugelstoßerin Simone Machalett noch genau ein Gespräch lang. "Ich höre sofort mit dem Sport auf", sagte sie ihrer Trainerin beim TSC Berlin, dann war Schluß. Eine 18-Jährige hatte sich aus dem System ausgeklinkt. Das System sah so etwas nicht vor, aber Machaletts Lebensplanung sah auch nicht vor, dass ihr ein Mediziner sagte: "Sie haben mit 18 die Gebärmutter einer Achtjährigen. Wenn Sie noch fünf Jahre weitertrainieren, ist nicht sicher, dass Sie Kinder bekommen." Also hörte die DDR-Hoffnung Machalett 1979 auf. Dass ihr damit weitere Doping-Pillen erspart blieben, wusste sie damals nicht. Sie wusste nur, dass sie eine tiefe Stimme hatte und ein Problem. Kann man mit so einer Stimme stundenlang unterrichten? Hält sie eine solche Belastung aus? Machalett wollte Lehrerin werden, aber weil Professoren und Ärzte wegen ihrer Stimme Zweifel hatten, durfte sie erst mal nicht studieren. Zuerst musste sie Stimmübungen machen, wie eine Schauspielerin. Ein Test für ein Dopingopfer. Die Stimme hielt, Machalett wurde Lehrerin und dann, nach der Wende, Polizistin.

Gestern saß die 39-Jährige im Ewald-Prozess mit ihrer tiefen Stimme, erzählte von früher, von erhöhten Leberwerten und zehn Kilogramm Gewichtszunahme und von ihren Noten im Singen. Eine eins hatte sie als Kind, eine vier als gedopte Sportlerin.

Simone Machalett war eines von vier Doping-Opfern, die gestern aussagten. Lauter medizinische Problemfälle. Rica Reinisch, die dreimalige Schwimm-Olympiasiegerin, litt und leidet an chronischen Eierstockentzündungen, an Herzmuskel-Entzündungen und einer tiefen Stimme. Die Magdeburger Ex-Schwimmerin Ute Krause, wie die anderen Nebenklägerin, registrierte 1978, wie sich ihr Körper "explosionsartig entwickelte". "Ich fühlte mich wie in einem fremden Körper." Die Muskeln verspannten, sie nahm zehn Kilogramm zu und wurde trotzdem immer schneller. Als sie verzweifelt fragte, sagte ihr Trainer: "Du sollst nicht denken, sondern schwimmen." Ein Jahr später hörte sie auf. Ute Krause fragte auch nach den enthüllenden Patientenakten, die Kripoleute in einer Klinik fanden und die Doping-Folgeschäden belegen. Aber Staatsanwalt Debes will sie nicht einführen. "Diese Karten betreffen die Nebenklägerinnen nicht." Deshalb seien sie für den Prozess ohne Belang. Eine Karte gehört allerdings zu der Ex-Diskuswerferin Margitta Pufe, die in der Anklageschrift sehr wohl als Geschädigte aufgeführt ist. Nur im Anklagesatz taucht Pufe plötzlich nicht mehr auf.

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