Ausscheidungsrennen um den America's Cup : Mit Ufos auf hoher See

Heute beginnen die Ausscheidungsregatten für den America's Cup. Zwischen den fünf Herausforderern dürfte es enge Rennen geben.

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Höher, schneller und vollgestopft mit Hightech. Die 15 Meter langen Mehrrumpfgeschosse (im Bild das Boot der Briten) jagen mit bis zu 100 Stundenkilometern über das azurblaue Wasser.
Höher, schneller und vollgestopft mit Hightech. Die 15 Meter langen Mehrrumpfgeschosse (im Bild das Boot der Briten) jagen mit bis...Foto: Harry Kh/dpa

Dass es ernst geworden ist, und dass schon Tage vor dem ersten Startschuss am heutigen Freitag die Reserven schwinden, wird allen mit einem lauten Knall verdeutlicht. Als die Bugspitze des britischen Teams sich bei einem heftigen Aufprall in das Heck der Neuseeländer bohrt. Die beiden Konkurrenten um die Krone des Segelsports, die in den kommenden Wochen mit drei weiteren Herausforderern aus Japan, Frankreich und Schweden um die Gelegenheit ringen, sich dem Duell mit dem Titelverteidiger des America's Cup stellen zu dürfen, sind bei Trainingsläufen ineinander gekracht.

Wie es zu dem Zwischenfall kam und ob er vermeidbar gewesen wäre, wie der neuseeländische Steuermann Peter Burling meint, lässt sich auch auf den Videoaufnahmen nicht genau erkennen. Es geht alles viel zu schnell. Wie rasende Windhunde kurven die beiden Trainingspartner in immer enger werdenden Bögen auf die Startlinie zu. Sowohl Burling als auch der hinter ihm attackierende Ben Ainslie versuchen, das untere Ende der Startlinie zu erwischen, um auf der Innenbahn auf die Regattastrecke zu gehen. Ob Ainslie sich dann nur verschätzt oder frustriert reagiert, als die Neuseeländer das Katz-und-Maus-Spiel an der Linie gewinnen, ist nicht auszumachen.

Jedenfalls müssen beide Katamarane in die Werft und repariert werden. So kurz vor der letzten Etappe des nun schon seit zwei Jahren auf diesen Höhepunkt zusteuernden America's Cup ist jeder verpasste Trainingstag auf dem Wasser ärgerlich.

Denn jedes Team hat nur ein Boot, mit dem es antritt. Das ist eine der Neuerungen, auf die sich die Teilnehmer diesmal verständigt haben. Um den Wettkampf nicht abermals in eine monströse Materialschlacht ausarten und Milliardäre ihr Vermögen aufs Spiel setzen zu lassen, sind die Kosten mehr als halbiert worden. Nur die Neuseeländer stimmten der Übereinkunft nicht zu. Nicht, dass das Emirates Team New Zealand über unbegrenzte Mittel verfügen würde. Doch haben sie noch eine Rechnung offen. Als sie 2013 das erste Katamaran-Duell in der Bucht von San Francisco gegen die Amerikaner mit 8:1 dominierten, glaubte niemand, dass ihnen der Sieg noch zu nehmen war. Doch es kam anders. Die US-Truppe um Steuermann Jimmy Spithill bügelte seinen technischen Rückstand aus und gewann schließlich mit 9:8. Es war ein sportliches Wunder. Die Neuseeländer, deren Kampagne sogar mit Steuergeldern finanziert worden war – so sehr betrachtete man den Cup-Sieg als nationales Prestige –, waren am Boden zerstört.

Nun werfen sie Cup-Verteidiger Oracle Team USA vor, den unseligen Weg vergangener Titelhalter fortzusetzen, sich durch das Regelwerk Vorteile verschaffen zu wollen. Nicht nur sprachen sich die Kiwis gegen die Bermuda Islands als Austragungsort aus. Vor allem, dass sich der Titelträger nun erstmals in der Geschichte des Cups an den Ausscheidungsregatten beteiligen darf, missfällt ihnen. Sie fürchten eine unlautere Einmischung von Oracle.

Hinzu kommt, dass durch die neuen strengen Designvorschriften eine Art Konfektionsboot entstanden ist. Die Katamarane aller Teams ähneln sich stark. Nur, was in ihnen an Technik steckt, ist jedem Team freigestellt. Dadurch würde Oracle als finanziell am besten gestelltes Team profitieren, sagte der deutsche Konstrukteur Martin Fischer im Segelmagazin „Yacht“. Denn es kann seine Ressourcen auf Bereiche wie Segelpersonal und Trainingseinheiten verwenden, ohne dabei befürchten zu müssen, dass ein Konkurrent plötzlich mit einer bahnbrechenden technologischen Neuerung auftaucht. Gute Ideen haben keine Chance mehr.

Boote sind tatsächlich mehr Flugobjekte als Wasserfahrzeuge

Ein neuralgischer Punkt ist, dass die Segler die hydraulischen Kräfte zur Bedienung der Apparate durch Muskelkraft selbst aufbauen müssen. Dafür gibt es nun höchst unterschiedliche Lösungen. Die meisten nutzen die altbekannten Grinder, kurbelnde Muskelmänner, die über ,Kaffeemühlen' gebeugt aus Leibeskräften mit den Armen rudern. Nur die Neuseeländer treiben die Hydraulikpumpen mit ihren Beinen an wie Fahrradfahrer. Sieht gewöhnungsbedürftig aus, verschafft ihnen aber ein Energie-Plus von 40 Prozent.

Es ist wohl der kurioseste Technologietransfer dieser 35. Cup-Serie, an der sich wieder Automobilkonzerne wie BMW und Land Rover beteiligen, Flugzeugingenieure von Airbus und Formel-1-Experten. Die Boote sind tatsächlich mehr Flugobjekte als Wasserfahrzeuge. Der technologische Sprung ist, seit in San Francisco vor vier Jahren bereits mit Katamaranen um die Krone des Segelsports gekämpft wurde und Flügelschwerter die Gefährte aus dem Wasser hoben, abermals enorm. So kann die Auftriebswirkung dieser Tragflächen ständig nachjustiert werden. Die 15 Meter langen Mehrrumpfgeschosse fegen mit bis zu 100 Stundenkilometern über die azurblaue Bucht. Es kommt selten vor, dass sie mal nicht schwebend über den Parcours kurven.

Sobald die Rümpfe das Wasser berühren, geht Geschwindigkeit verloren. So dass taktische Manöver genau darauf zielen werden, den Gegner aus der fragilen Balance des Foilens zu stürzen, ihn quasi zu versenken. Bevor er sich wieder aufrappeln und weiterfliegen kann, ist man selbst auf und davon und hat die Meter gewonnen, die über Sieg oder Niederlage entscheiden könnten.

Macht das den Kampf um die älteste Sporttrophäe der Welt nun attraktiver oder zu kompliziert?

Es dürfte vor allem knapp werden. Denn sämtliche Teams haben reichlich Vorbereitungszeit besessen, um Konfigurationen zu erproben und sich auf den technischen Entwicklungswettlauf vorzubereiten.

Als Sieger der Weltcup-Serie zählt Ben Ainslies britische Kampagne zum engeren Favoritenkreis. Seit Lord Anglesley die begehrte Silberkanne des später America's Cup getauften Wettbewerbs 1851 für eine Regatta rund um die Isle of White stiftete, sind die Briten ihr nicht mehr so nah gekommen. Ainslie gilt als äußerst nervenstarker Zweikämpfer, der seine Gegner zu zerrütten vermag. Das könnte sogar Jimmy Spithill beeindrucken, der auf Ainslies Hilfe vor vier Jahren noch angewiesen war. Denn erst als der sich nach seinem London-Gold dem Oracle-Team anschloss, kam die Wende.

Aber auch die Neuseeländer bieten ein starkes Team mit drei Olympiasiegern auf. Sie trafen als letzte auf den Bermudas ein, trainierten daheim lieber für sich.

Gute Chancen wird auch Artemis Racing eingeräumt. Wobei das von einem schwedischen Ölhändler finanzierte Team sich überwiegend aus Australiern und Engländern zusammensetzt. Angeführt von dem zweimaligen Goldmedaillengewinner Ian Percy hat es früh mit intensiven Trainingseinheiten begonnen und zeigt eine souveräne Handhabung des Bootes.

Ein Spektakel wird dieser Cup allemal. Die Leistungsdichte war noch nie so hoch.

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