Außenseiter : Bestzeiten für Westafrika

Die holprige Laufbahn ist zu kurz, genügend Nahrung ist keine Selbstverständlichkeit. Athleten aus Entwicklungsländern trotzen beim Training vielen Missständen. In Berlin freuen sie sich nach dem Vorrunden-Aus über persönliche Leistungssprünge

Eva Kalwa
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Trauer und Träume. Togos 1500-Meter- Läufer Boampouguini Djigban (ganz oben) verletzte sich im Vorlauf, Hammerwerferin Florence...

Sie haben keine Spikes und keine Startblöcke. Die Matten der Hochsprunganlage sind so kaputt, dass sie nicht mehr benutzbar ist. Und die Kunststoffbahn des einzigen Leichtathletikstadions im westafrikanischen Staat Gambia ist so hart, dass sich zahlreiche Athleten auf ihr verletzt haben. Es sind für einen mitteleuropäischen Leichtathletikfan kaum vorstellbare Zustände, in denen viele WM-Teilnehmer aus kleinen Staaten und Entwicklungsländern trainieren.

Trotzdem sind sie und ihre Trainer bei dieser WM dabei: Aufgeregt vor dem Start und stolz danach, wenn sie ihre Leistung steigern konnten. Auch wenn die Ernährungsfragen in ihrer Heimat sich weniger um die optimale Zusammensetzung einer Mahlzeit drehen, sondern darum, dass überhaupt eine ausreichend große Portion vor den jungen Athleten auf dem Tisch steht. Und auch, obwohl die Leichtathleten nur einen Bruchteil der medizinischen Versorgung bekommen wie ein deutscher, französischer oder amerikanischer Sportler in seinem Land.

Stolz – das ist auch die 100-Meter-Läuferin Fatou Tiyana. Sie ist zwar im Vorlauf gescheitert, hat aber ihre persönliche Bestzeit um fünf Hundertstel auf 12,25 Sekunden senken können. „Das ist ein großer Erfolg für mich“, sagt die 22-Jährige, deren Potenzial vor acht Jahren beim Schulsport entdeckt wurde. Doch am liebsten möchte Tiyana Gambia verlassen. „Dort gibt es nur einen einzigen Trainer für alle Laufdisziplinen, egal ob kurz oder lang“, so Tiyana. Ihr Bruder, der 18 Jahre alte 100-Meter-Läufer Suwaibou Sanneh, hat Land und Familie bereits den Rücken gekehrt: Er ist vor drei Jahren nach Jamaika gegangen und trainiert dort unter ähnlich guten Bedingungen wie Athleten in Deutschland.

Die meisten Kinder aus armen Familien haben gar nicht die Chance, das Land zu wechseln. Es fehlt nicht nur an ordentlichen Trainingsbedingungen, sondern auch an finanziellen Fördermöglichkeiten und Sponsoren. Und dennoch strömen jedes Jahr viele hundert Kinder in die wenigen Leichtathletikstadien in Gambia, Togo oder Guinea. Fast alle Laufplätze haben nur eine Aschenbahn und sind teils so ungleichmäßig gebaut, dass die Rundbahn nur 350 Meter oder weniger misst. „Bei uns gibt es ein Sprichwort: Nur die Kinder aus armen Familien gehen zur Leichtathletik“, sagt Lanwi Karba, Sprinttrainer und Mannschaftsbetreuer aus Togo.

Angesichts der Ausrichtung der Fußball-WM 2010 in Südafrika hat sich die Situation noch verschärft. Was in vielen anderen Ländern an der Tagesordnung ist, dass nämlich die Leichtathletik im Schatten von Sportarten wie Fußball steht, führt in Togo zu existenziellen Krisen: „Die Kinder kommen mit der Hoffnung zum Sport, sich aus Armut und Elend zu befreien. Und nur den wenigsten gelingt es“, sagt Karba. Der 37-Jährige promoviert an der Sporthochschule Köln und erzählt, dass gerade Mädchen in Togo es im Sport sehr schwer haben, da viele von ihnen immer noch mit diskriminierenden, einengenden Rollenvorstellungen aufwachsen.

Doch es gibt auch Lichtblicke: Stipendien und Lehrgänge für Athleten und Trainer aus externen Mitteln, auch vom Deutschen Olympischen Sportbund oder dem Deutschen Leichtathletik-Verband. Und es gibt eben die WM in Berlin. Über hundert Sportler aus Entwicklungsländern waren schon drei Wochen zuvor zu Trainingscamps angereist. Was ein Training unter optimalen Bedingungen ausmachen kann, zeigt die Leistungssteigerung der 100-Meter-Läuferin Mariama Bah: Die Guineerin lief in Berlin persönliche Bestzeit in 11,20 Sekunden – auf der heimatlichen Aschenbahn blieb sie immer über 12 Sekunden. „Solche Verbesserungen haben auch andere Athleten nach den Trainingscamps erlebt“, erzählt Programmbetreuer Ralph Mouchbahani.

Die westafrikanische Athletin, die heute an den Start geht, kennt viele dieser Probleme nicht: Florence Ezeh, Hammerwerferin aus Togo, lebt seit 15 Jahren in Frankreich. „Ich habe es viel besser als meine Teamkollegen“, sagt sie. Ihr macht etwas anderes bei der heutigen Qualifikation zu schaffen: Wegen einer Operation konnte ihr Trainer nicht anreisen. „Ich werde mich heute bestimmt sehr einsam fühlen“, sagt Ezeh.

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