Sport : Aussetzer am WassergrabenDeutsche Reiter holen in Jerez nur neun WM-Medaillen

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Es gibt wohl kaum jemanden, der das Pferd im Sportunterricht geliebt hat. Die leichten Kreis-Bewegungen eines gelernten Turners über diesem Gerät hielt man als Normalsterblicher für unmöglich. Dabei hatte dieses Pferd aus Holz und Leder einen Vorteil: es stand fest. Kaum vorstellbar, wenn sich das Pferd bei dieser Übung auch noch bewegt hätte. Doch genau das ist es, was sich hinter der Sportart Voltigieren verbirgt. Für Pferdenarren mag das Turnen auf dem laufenden Pferd grazil aussehen, für Laien wirkt es eher kurios. Vielleicht ist das auch der Grund, warum nur Dressur-, Militäry- und Springreiter bei Olympischen Spielen auftreten und die Voltigierer nicht.

Doch bei den Weltreiterspielen finden neben den olympischen auch die anderen Reitdisziplinen, Gespannfahren, Distanzreiten, Westernreiten und eben Voltigieren Beachtung. Und gerade die Dominanz der deutschen Voltigierer war es, die die Bilanz der deutschen Reiter bei den vierten Weltreiterspielen in Jerez de la Frontera gerettet hat. Vier der neun deutschen Medaillen – darunter zwei der vier Weltmeistertitel – holten allein die Kunstturn-Reiter. Doch für die Deutsche Reiterliche Vereinigung ist diese Bilanz ein Desaster. Zum Vergleich: vor vier Jahren in Rom gewannen die deutschen Reiter elf von 33 Medaillen, davon fünfmal Gold. Bei den ersten Reiterspielen in Stockholm 1990 holten sie gar 14 von 39 Medaillen. Genauso viele gewannen die Deutschen vier Jahre später in Den Haag, darunter sieben WM-Titel. Jedesmal war Deutschland mit Abstand beste Nation.

In Jerez haben die Franzosen nun aufgeholt, weil Deutschland so weit zurückgefallen ist. Nur zwei Bronzemedaillen mehr haben den Deutschen den Spitzenplatz vor Frankreich gesichert. Dabei gab es mit Reining - einer Art Westernreiten - zwei neue Disziplinen, doch die Zahl der deutschen Medaillen ging trotzdem weiter zurück. Das liegt nicht an der fehlenden deutschen Tradition im Westernreiten - die Einzelkonkurrenz war eine rein amerikanische Angelegenheit. Immerhin gelang der deutschen Mannschaft Platz vier. In der Vielseitigkeit, die von den Neuseeländern dominiert wird, sind deutsche Medaillen allenfalls eine Überraschung. So überraschend wie die Gespanne im Team zu Bronze und Christoph Sandmann in seinem Viererzug sogar zu Silber fuhren. Auch die Dressurreiter lieferten für das Gesamtergebnis fast eine optimale Leistung. Gold für Nadine Capellmann mit Farbenfroh und Gold für die Mannschaft, dazu noch Bronze für Ulla Salzgeber und Rusty. Das Ergebnis von 1998, als alle Einzelmedaillen an Deutschland gingen, war diesmal ohne Isabell Werth unrealistisch.

Es waren vor allem die Springreiter, die ihrer Favoritenrolle nicht gerecht wurden. Im Nationenpreis scheiterte die deutsche Equipe an der schwachen Leistung von Ludger Beerbaum. Zwölf Fehlerpunkte leistete er sich mit Gladdys und legte im ersten Umlauf der Einzelkonkurrenz noch acht drauf - zusammengerechnet so viel, wie sich das Paar sonst in einem halben Jahr leistet. Für Beerbaum ist der Aussetzer von Gladdys am Wassengraben, bei dem die Stute sonst nie patzt, besonders ärgerlich, weil ihm der WM-Titel als einziger noch fehlt. Jetzt muss Beerbaum wieder vier Jahre warten. Dafür darf er sich dann aber vor heimischen Publikum präsentieren. Denn die Weltreiterspiele 2006 - das gab der Weltverband Fei am Rande in Jerez bekannt - finden in Aachen statt. Ingo Wolff

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