Sport : Aussteigers Abschiedstour

Oliver Bierhoff spielt seine letzte Saison – dann will er auf Abstand vom Fußball gehen

Vincenzo Delle Donne

Lazise . Es geht entspannt zu auf der Trainingsanlage des Veronello-Sporthotels, wo Chievo Verona trainiert. Ein Dutzend Spieler bilden beim Nachtmittagstraining ein Quadrat und schieben sich den Ball zu, während drei Kollegen in der Mitte stehen und die Anspiele zu unterbinden versuchen. Laut zählt Oliver Bierhoff die Stationen mit und bricht in ein zufriedenes Lachen aus, wenn es ihm und seinen Kameraden gelingt, den Tagesrekord zu überbieten. Wenn man den 34-Jährigen um den Ball kämpfen sieht, in der Vorbereitung auf seine letzte Halbserie, dann scheint er nichts von seiner alten Spielfreude verloren zu haben. Aber das war nicht immer so.

Zu Saisonbeginn hatte Bierhoff mit Anpassungsschwierigkeiten zu kämpfen, weil er die Saisonvorbereitung nicht bestritten hatte. Chievo-Trainer Luigi Del Neri hatte kein Einsehen mit seinem Star. Des Öfteren verbannte er Bierhoff auf die Bank. Kein Wunder. Denn das Motto Del Neris, der als heißester Nachfolgekandidat Giovanni Trapattonis als Cheftrainer der italienischen Nationalmannschaft gehandelt wird, lautet: „Jeder ist ersetzbar, und niemand ist unnötig!“ Ein Sonderstatus wurde Bierhoff nicht zuteil. Immer wieder hielt der Trainer dem ehemaligen Kapitän der deutschen Nationalmannschaft seinen Konditionsrückstand vor und ermahnte ihn, ans Äußerste zu gehen.

Ein bisschen erinnere ihn Chievo an Udinese, wo er in der Saison 1997/98 am Ende den dritten Tabellenplatz belegte, sagt Bierhoff. In jener Saison wurde er mit 27 Treffern Torschützenkönig der italienischen Serie A. Ach ja, Udinese. Der Klub, bei dem er gerne seine Karriere beendet hätte, gab ihm einen Korb und entschied sich für Carsten Jancker – obwohl er ablösefrei gekommen wäre. Udinese war das von Bierhoff geforderte Jahressalär, das auf über 3 Millionen Euro geschätzt wird, zu teuer. Bierhoff war andererseits nicht bereit, Abstriche bei seiner Gage in Kauf zu nehmen. Letztlich scheiterte der Wechsel, da die Klub-Verantwortlichen infolge staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung auf jeden Cent achten müssen. Bislang hat sich die Sparsamkeit nicht ausgezahlt: Bei den erzielten Treffern steht es im Vergleich Bierhoff/Jancker 4:1 für den Chievo-Stürmer.

„Ich will das letzte Jahr genießen“

Dass es mit einer Rückkehr nach Udinese nichts wurde, schmerzte Bierhoff anfangs. Schließlich erlebte er dort seinen unerwarteten Aufstieg – wie Phönix aus der Asche, nachdem er in der Bundesliga nach den Stationen Uerdingen, Mönchengladbach und Hamburg schon als untauglich für höhere Aufgaben abgestempelt worden war. Nachdem 1994 Ascoli, Bierhoffs erster italienischer Verein, in die dritte Liga abstieg, bedeutete sein Wechsel zu Udinese so etwas wie seine letzte Chance. Im Friaul, wo der gebürtige Karlsruher sich auf Anhieb heimisch fühlte und woher auch seine Großmutter stammt, ging Bierhoffs Karriere steil bergauf. Europameister 1996, Stammspieler in der Nationalmannschaft, später deren Kapitän, Italienischer Meister mit dem AC Milan (1999). Bald danach jedoch waren Bierhoffs Dienste in Mailand nicht mehr erwünscht, sodass er in der Saison 2000/2001 zum AS Monaco wechselte.

Chievo sollte also so etwas wie ein runder Abschluss einer sich ihrem Ende zuneigenden Karriere sein, und der Verein aus dem Norden Italiens schien als „Wunderklub“ dazu bestens geeignet. Denn Chievo, das sich als Kleinverein unter Del Neris Kommando im oberen Tabellendrittel der Serie A etabliert hat, erinnert Bierhoff an Udinese. „Es ist eine sehr lockere und entspannte Atmosphäre, und das war sicherlich auch ein Grund, hierher zu kommen. Ich will das letzte Jahr genießen.“

Umzug nach München

Anfangs noch konnte von Genuss keine Rede sein. Im Gegenteil. Bierhoff trug eine regelrechte Fehde mit seinem Stümerkollegen Marazzina aus, oft kamen sie sich bei Torgelegenheiten gegenseitig in die Quere, zu ähnlich sind sie sich in ihrer Spielart. Auf konkrete Nachfrage, warum Bierhoff nicht längst zur ersten Wahl gehöre, pflegte Del Neri säuerlich zu antworten: „Weil Marazzina und Franceschini spielen. Punkt. Basta!“

Diese Kontroversen gehören nun der Vergangenheit an, Bierhoff hat sich seinen Platz im Team erkämpft. Dennoch beteuert Bierhoff, „es ist mein letztes Jahr als Profi", und es schwingt kaum ein Hauch von Wehmut mit, wenn er das sagt. Niemand und nichts könne ihn mehr umstimmen.

Ein bisschen Abstand vom Fußball wolle er gewinnen, von dem Rummel, der ihn bis vor kurzer Zeit noch zu einem der gefragtesten deutschen Werbefiguren gemacht hatte. Er scheint ein bisschen müde, nach 12 Jahren Legionärsdasein. „Natürlich könnte ich noch ein, zwei Jahren spielen", sagt er, „aber ich glaube, es ist der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören.“ Er will Abstand, und das heißt für ihn auch Abstand vom Spielbetrieb. Aufgaben als Trainer oder Manager kommen für ihn zurzeit nicht in Frage. Entsprechende Offerten hat er bislang hartnäckig abgelehnt.

An der Fern-Uni Hagen hat er im letzten Jahr sein Examen in Betriebswirtschaft abgelegt. Demnächst wird er wahrscheinlich im Marketingbereich für zwei multinationale Unternehmen arbeiten, nicht zuletzt im Hinblick auf die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland.

Dass er dann das Land verlässt, in dem er vom ausrangierten Bundesliga-Spieler zum Weltstar aufstieg, hat jedoch auch andere Gründe. „Ich habe ein Haus in München, meine Frau ist Deutsche, und wir werden da leben und uns wieder stärker um Freunde und Familie kümmern.“

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