Sport : Austeilen nach dem Abbruch

Michael Rosentritt

Als der Kampf längst gekämpft war, wurde richtig ausgeteilt. Weit nach Mitternacht wurde die zwölfte Runde angegongt, die eine Stunde zuvor unten im großen Saal des Estrel-Hotels nicht mehr ausgeboxt worden war. Ringrichter Mark Nelson (USA) hatte nach mehrmaliger Konsultation des Berliner Ringarztes Thorsten Dolla eine handfeste WM-Keilerei zwischen Dariusz Michalczewski und Richard Hall nach einer Minute und fünfzehn Sekunden der elften Runde abgebrochen. 6000 Zuschauer pfiffen. Der alte und neue Weltmeister im Halbschwergewicht, Dariusz Michalczewski, posierte auf den Ringseilen stehend, Hall kauerte mit einem zugeschwollenen rechten Auge in seiner Ecke und konnte das unrühmliche Ende nicht fassen.

Den Kampf verfolgt hatte auch eine bekannte Boxerfamilie - die Rocchigianis. Mit Folgen. Auf einer chaotischen Pressekonferenz sahen sie ihre Chance gekommen, den Journalisten zu verraten, was sie von dem in 45 Kämpfen ungeschlagenen "Tiger" halten. Im Rückraum des Saales richtete sich zunächst Jeannie Rocchigiani mit einigen Worten an den Sieger: "Das Publikum hat dich ausgepfiffen, du Penner." Auweia. Jeannie ist die Schwägerin von Graciano Rocchigiani, der zweimal das zweifelhafte Vergnügen hatte, gegen Michaelczewski zu boxen. Plötzlich waren sie wieder da, die Erinnerungen an den ersten Kampf der beiden vor fünf Jahren in Hamburg, als der nach Punkten hinten liegende "Tiger" schauspielerischen Qualitäten zeigte und "Rocky" daraufhin disqualifiziert worden war. Daran wird wohl auch Michalczewski gedacht haben, der den gekreischten Einwurf der Dame ohne Umschweife konterte: "Halt die Fresse." Das wiederum hörte nun Ralf Rocchigiani überhaupt nicht gern: "Hey, wenn du noch einmal zu meiner Frau sagst, dass sie die ... . " Schließlich setzte noch einmal der Tiger nach: "Schmeißt die Loser raus." Einige Sicherheitskräfte hatten die Rocchigianis umzingelt. Doch so recht trauten sie sich nicht. Auch sie werden die Geschichten von früher kennen, als es das Brüderpaar schon mal mit einer Vielzahl von Polizisten aufgenommen hatte - mit Erfolg übrigens.

Richard Hall, der Gastboxer aus Amerika, staunte über das, was er aus seinem einen offenen Auge sah. Seine eigroße Beule vor seinem rechten Auge kühlte er mit Eis. "Die Entscheidung des Ringrichters kann ich nicht verstehen. Ich bin noch in der Lage gewesen, ihn in der elften oder 12. Runde k. o. zu schlagen."

"Wir sind hier nicht im Rocky-Film", sagte der gescholtene Ringrichter und versuchte den Abbruch kurz vor Schluss zu rechtfertigen: "Hall konnte nichts mehr sehen und nahm zu viele Schläge." Ringarzt Dolla sekundierte: "Aus medizinischer Sicht wäre eine Fortsetzung des Kampfes nicht vertretbar gewesen. Hall war auf der einen Seite praktisch verteidigungsunfähig."

Hall war da anderer Meinung: "Ich konnte noch alles sehen wie in der ersten Runde." Quatsch, sagte sein Kontrahent. "Er hat gar nichts mehr gesehen. Er hat jeden linken Jab von mir genommen wie ein Blinder", sagte Michalczewski, der seine Leistung nicht genügend gewürdigt sah. "Seid ihr bescheuert", brüllte er in die Runde. "Ich habe klar dominiert, es war einer meiner besten Kämpfe. Der Ringrichter hat Hall doch vor dem K. o. gerettet. Ihr müsst euch freuen, dass ich hier war. Sonst seht ihr solche Klassekämpfe nicht."

Aufgebracht reagierte das Berliner Publikum vor allem wegen einer Aktion in der zehnten Runde. In einen tief angesetzten Körperhaken Halls hatte sich der Titelverteidiger recht unglücklich reingedreht. Der Tiger ging kurz in die Knie, taumelte nach dem Schlag in die Nierengegend mit schmerzverzerrtem Gesicht durch den Ring. Der Ringrichter schaute tatenlos zu, obwohl er Michalczewski hätte anzählen oder aber Hall hätte verwarnen müssen. Bis dahin war mit Ausnahme der zweiten und dritten Runde Michaelczewski Chef im Ring. Auf dem Punktzettel der drei Punktrichter lag er vorn, zweimal mit 97:93, einmal gar mit 98:93. In der vierten Runde musste Michalczewski erst durch eine Schlagkombination Halls wachgerüttel werden. Der Angeschlagene konterte blizschnell und schüttelt Hall seinerseits gehörig durch. Fortan waren beide Boxer auf der Hut. Hall blieb mit seinen Körper- und Aufwärtshaken gefährlich, der Titelverteidiger Michalczewski bestach mit seiner linken Führhand. Leider nicht danach. Ein wenig mehr Souveränität wäre angemessen, gerade in Berlin, der Stadt der Rocchigianis.

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