Sport : Australian Open: Anderthalb Beine über dem Abgrund

Jörg Allmeroth

Martina Hingis hat dem ungeliebten Williams-Clan einen ersten Streich gespielt und in Melbourne den Doppel-K.o gegen das amerikanische Tennis-Familienunternehmen vorbereitet: Am Ende einer spannenden Aufholjagd schlug die Weltranglistenerste aus der Schweiz gestern im Viertelfinale der Australian Open die jüngere Williams-Schwester Serena mit 6:2, 3:6 und 8:6 und verteidigte mit dem 14. Sieg im 14. Spiel seit ihrer Ankunft vor gut zwei Wochen in Australien eine geradezu "magische Erfolgsserie" ("The Sun Herald"). Im Halbfinale wartet nun Serenas Schwester Venus. "Ich bin stolz auf mich", sagte Martina Hingis. "Ich lag schon geschlagen am Boden. Aber ich bin wieder aufgestanden."

Natürlich war auch ein wenig Glück im Spiel, weil Serena Williams im entscheidenden Augenblick, als die Big Points vergeben wurden, ihre Nerven nicht im Zaum hatte. Im dritten Satz ließ sich die Amerikanerin eine 4:1-Führung abjagen. Mit dem daraus gewonnenen Selbstbewusstsein ging Martina Hingis in die nächste Privatverhandlung mit dem Williams-Trupp. Die ältere der beiden Töchter von Patriarch Richard Williams hatte in einem ebenfalls dramatischen Duell die Südafrikanerin Amanda Coetzer 2:6, 6:1 und 8:6 bezwungen. Venus verhinderte damit ein totales Fiasko für Familie Williams und bot zudem eine Show mit umgekehrter Dramaturgie. Statt eine deutliche Führungsposition zu verspielen, wie ihre nervenschwache Schwester Serena, schaffte die ältere der beiden Schwestern ein Entfesselungs-Kunststück nach einem 3:5-Rückstand im dritten, alles entscheidenden Satz.

"Mit starkem Rückgrat" wollte Venus Williams am frühen Donnerstagmorgen in das Duell mit Martina Hingis gehen. Dabei hatte die baumlange Athletin im ersten Satz des Spiels gegen Coetzer eher noch wachsweich gewirkt, wie eine billige Attrappe der Weltklassespielerin, die erst kürzlich mit einem 45 Millionen-Dollar-Vertrag ihres Ausrüsters Reebok für die nächsten fünf Jahre ausgestattet worden war. "Ich war gar nicht richtig auf dem Platz. Es war der reinste Untergang", meinte die Wimbledon- und US Open-Siegerin, die ihre Fans lange Zeit zittern ließ. Nach einem missratenen ersten Satz gestaltete Venus den zweiten souverän zu ihren Gunsten. Doch im dritten Satz wachte die 20-jährige erst bei 3:5 auf. Da wäre es beinahe schon zu spät gewesen, denn die kleine, laufstarke Amanda Coetzer schlug bereits zum Sieg auf.

Ähnlich war es auch Martina Hingis ergangen, die ganz stark begonnen und dann noch stärker nachgelassen hatte. Im beständigen Chaos von Aufs und Abs sah sich die Schweizerin beim 1:4 im letzten Satz "mit anderthalb Beinen über dem Abgrund". Doch dann verlor Serena Williams, leicht gehandikapt durch eine Magenverstimmung, im gleichen Maß die Nerven, wie Hingis ihre Routine in großen, entscheidenden Matches ausspielte. "Ich habe nie den Glauben an mich verloren", sagte Martina Hingis. Selbst der erste ausgelassene, allerdings von Serena Williams brillant abgewehrte Matchball konnte die Nummer eins der Welt nicht irritieren: Gleich die zweite Chance verwandelte sie mit wilder Entschlossenheit. Für die Schweizerin steht in der Rod-Laver-Arena einiges auf dem Spiel. Seit zwei Jahren ist Martina Hingis bei Grand-Slam-Turnieren nicht mehr als Siegerin in Erscheinung getreten. Den letzten Grand-Slam-Titel holte sie im Januar 1999 - in Melbourne, bei den Australian Open.

Und die Familie Williams? Wenigstens im Doppel hielten sich die beiden Schwestern am Ende eines langen Arbeitstages schadlos und bezwangen die österreichisch/russische Kombination Anna Kurnikowa und Barbara Schett nach anfänglichen Schwierigkeiten noch sicher mit 3:6, 6:1 und 6:1. Doch auch hier wartet womöglich schon wieder Ungemach auf die Williams-Familie, stehen doch im Halbfinale Martina Hingis und Monica Seles als Gegnerinnen auf dem Platz. Vor zwei Wochen, beim Turnier in Sydney, hatten die beiden die Williams-Schwestern in einem großartigen Duell bezwungen.

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