Australian Open : Andy Murray: Genug gewartet

Angriff auf die Geschichtsbücher: Andy Murray könnte als erster Brite seit 74 Jahren wieder einen Grand-Slam-Titel gewinnen.

Petra Philippsen
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Andy Murray -Foto: dpa

Melbourne - Auch an seinem spielfreien Tag ließen sie Andy Murray nicht alleine. Die kleine Gruppe schottischer Fans wich ihrem Favoriten seit der ersten Runde der Australian Open nicht von der Seite – auch nicht beim Training vor dem vielleicht wichtigsten Match seiner Karriere. „Er hat die Aussie Open in seiner Hand“, sangen sie inbrünstig. Ab und zu blickte er zu ihnen herüber und lachte, wenn ihm ein Spruch besonders gefiel. Nichts erinnerte mehr an jenen blassen, angespannten Andy Murray, der noch im November beim Tour-Finale in London vom Erwartungsdruck wie gelähmt schien.

Dabei ist der Druck vor dem Endspiel in Melbourne am Sonntag weit größer, schließlich warten die Briten seit 74 Jahren auf einen Grand-Slam-Sieger. Der letzte britische Finalist in Melbourne war John Lloyd, und das ist 33 Jahre her. Doch Murray wirkt erstaunlich gelöst. „Ich lese keine Zeitungen und sehe kaum fern“, sagt der Weltranglistenvierte. „Hier bin ich weit weg und spüre den Druck von außen nicht so sehr.“

Auch seinem Finalgegner ist das aufgefallen. „Andy tut mir etwas leid, die Briten warten ja seit ungefähr 150 000 Jahren auf einen Grand-Slam-Sieger“, sagt Roger Federer. „Aber er ist mit dem Druck bisher beeindruckend gut umgegangen.“ Der Weltranglistenerste selbst hatte im anderen Halbfinale in nur anderthalb Stunden den Franzosen Jo-Wilfried Tsonga 6:2, 6:3, 6:2 abgefertigt. „Es war toll, so hatte ich das nicht erwartet“, sagt Federer.

Nur der Schweizer steht Murray also noch bei dem Versuch im Weg, seinen ersten großen Titel zu gewinnen – wie schon vor 17 Monaten bei den US Open. Damals in New York standen die Vorzeichen nicht gut für den Schotten. Weil es ausgiebig geregnet hatte, musste Murray vor dem Finale drei Tage hintereinander spielen. Zudem war er nervös. Doch dieses Mal fühlt sich der 22-Jährige vorbereitet. „Ich bin jetzt erfahren genug, mit dem Druck umzugehen“, sagt Murray. Vertrauen gibt ihm nicht nur, dass er zum elitären Kreis jener Spieler zählt, die eine positive Bilanz gegen Federer haben. Mehr noch vertraut Murray derzeit seinem Spiel. Besser und fitter als wohl je zuvor trat er bisher in Melbourne auf – nur Marin Cilic im Halbfinale konnte ihm einen Satz abnehmen.

Außerdem glaubt Murray an Vorsehung: Federer hat in seinem 17. Grand Slam den ersten Triumph gefeiert, und Melbourne ist eben auch Murrays 17. Versuch. „Ich will unbedingt diesen Grand Slam gewinnen“, sagt er. Seine Fans würden es ihm danken. Petra Philippsen

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