Sport : Australian Open: Aus einer anderen Zeit

Stefan Hermanns

Vermutlich hat Monica Seles keine besonders guten Erinnerungen an ihren ersten Sieg gegen Martina Hingis. Es war im Juni 1998, im Halbfinale der French Open in Paris. Die erst 17-jährige Hingis, seit rund 15 Monaten die neue Nummer 1 der Weltrangliste, ging als eindeutige Favoritin in das Match. Am Ende aber gewann Monica Seles und zog zum ersten Mal, seitdem sie 1992 Roland Garros gewonnen hatte, wieder ins Finale der French Open ein. Monica Seles wird nicht gerne an die Tage in Paris denken, nicht nur weil sie das Endspiel gegen Aranxta Sanchez-Vicario verlor. Drei Wochen zuvor war ihr Vater Karolj gestorben.

Online-Gaming Spiel, Satz und Sieg: Der Pong-Klon von meinberlin.de Eigentlich illustriert diese Geschichte ganz gut das Bild, das sich die Deutschen immer schon von Monica Seles gemacht haben. Ist das nicht typisch für eine wie sie, dass sie in einer solchen Situation mit kaltem Herzen erfolgreich Tennis spielen kann? Die Jugoslawin, die 1994 die US-amerikanische Staatsangehörigkeit angenommen hat, war nicht nur die große Rivalin von Steffi Graf, sie war auch nach langer Zeit die erste Spielerin, die gegen Graf nicht nur gelegentlich ein Match gewann, sondern schnell besser wurde als die Deutsche. So etwas waren die Tennisfans in Deutschland nicht mehr gewohnt, und deshalb mochten sie Seles nicht. Wenn man ihr eine Filmrolle zugetraut hätte, dann die der sowjetrussischen KGB-Agentin in einem James-Bond-Thriller. Die latente Abneigung mag auch den geistig verwirrten Günter Parche in seinem Wahn bestärkt haben, Steffi Graf gegen Monica Seles beistehen zu müssen. Am 30. April 1993 stach Parche Seles am Hamburger Rothenbaum mit einem Messer in den Rücken. Für Monica Seles war danach nichts mehr, wie es einmal gewesen war.

Dass die inzwischen 28-Jährige immer noch oder wieder zur Weltspitze gehört, kommt einer mittleren Sensation gleich. Bei den Australian Open in Melbourne steht sie nach ihrem überraschenden Erfolg über die favorisierte Venus Williams im Halbfinale. Sechsmal hatte Seles zuvor gegen Williams gespielt, sechsmal hatte sie verloren. Beim siebten Versuch war sie erfolgreich. Seles siegte 6:7 (4:7), 6:2, 6:3. Im Halbfinale trifft sie nun auf die Schweizerin Martina Hingis.

Ein bisschen ist dieses Duell wie ein Kampf der Generationen. Monica Seles kommt aus einer anderen Tennis-Zeit. Am Anfang ihrer Karriere hat sie noch gegen Chris Evert und Martina Navratilova gespielt, der Zweikampf mit Steffi Graf hat die Szene dauerhaft geprägt: Das Finale bei den French Open 1992, das Graf nach 2:43 Stunden mit 2:6, 6:3, 8:10 verloren hatte, wurde vom "Tennis Magazin" vor kurzem zu einem der besten zwölf Matches der letzten 25 Jahre gezählt. Hingis hingegen begann ihre Profikarriere in dem Jahr, in dem Martina Navratilova ihre beendete. Und als Monica Seles 1991 zum ersten Mal die Australian Open gewann, war Hingis gerade zehn.

Ungefähr zu dieser Zeit hat sie auch letztmals gegen ihre Viertelfinalgegnerin Adriana Serra Zanetti aus Italien gespielt. Zanetti war damals 14 und verlor trotzdem. Auch in Melbourne war die letzte ungesetzte Spielerin des Turniers chancenlos. 6:2, 6:3 siegte Hingis. "Das war bisher eine Supervorbereitung auf das Turnier", sagte die Schweizerin anschließend.

Gegen Seles wird es nicht so einfach werden. Hingis hat zwar 12 ihrer 16 Matches gewonnen, die letzten beiden allerdings verlor sie. Das Duell könnte zu einem Klassiker werden wie Evert gegen Navratilova, Navratilova gegen Graf oder Graf gegen Seles. Als Seles die Deutsche am 11. März 1991 als Nummer eins der Tennis-Welt ablöste, war sie mit 17 Jahren, drei Monaten und neun Tagen die jüngste Spielerin an der Weltranglistenspitze. Der Rekord hielt sechs Jahre. Dann kam Hingis. Sie war erst 16 Jahre, sechs Monate und einen Tag alt. Dafür ist Monica Seles die aktive Spielerin mit den meisten Turniererfolgen in Melbourne. Viermal hat sie die Australian Open gewonnen. Vielleicht wird sie auch diesen Rekord bald verlieren. Hingis hat dreimal gewonnen. Immerhin hat Seles es in diesem Jahr noch in der Hand, ihre Bestmarke zu verteidigen. Irgendwann wird das nicht mehr gehen. Wenn Monica Seles ihre Karriere beendet, kann Martina Hingis noch einige Jahre spielen.

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