Sport : Australian Open: Der erste Sieg im zweiten Leben

Jörg Allmeroth

Auch eine Stunde danach wollte die Schönheit dieses Tages noch nicht recht einsinken ins Bewusstsein von Jennifer Capriati: "Ich frage mich immer noch, ob das alles wahr ist - oder nicht", sagte die Amerikanerin. Capriati hatte Martina Hingis, die Nummer eins der Tenniswelt, zur Randfigur gemacht. Nach 63 Minuten war der 6:4, 6:3-Sieg im Finale der Australian Open perfekt für eine Frau, die nicht nur sportlich ganz unten war und nun glanzvoll an die Spitze zurückgekehrt ist.

Um 14.43 Uhr Ortszeit in Melbourne krachte die letzte Rückhand ins Feld der Klassenbesten Martina Hingis. Danach tanzte Jennifer Capriati ausgelassen auf dem Platz. "Ich dachte: Oh, mein Gott, jetzt habe ich es wirklich geschafft - nach all den Jahren", sagte die 24-Jährige. Mit diesem Sieg ist der Amerikanerin etwas gelungen, das über die Höhen und Tiefen einer Sportlerkarriere weit hinaus weist. Zwischen dem Jubelbild von Barcelona, wo sie 1992 olympisches Gold gewonnen hatte, und dem Polizeibild nach ihrer Festnahme wegen Ladendiebstahls hatte nur ein gutes Jahr gelegen. Ein spektakulärer Absturz eines gefeierten Wunderkindes.

Danach waren Nachrichten von Jennifer Capriati erst einmal nicht mehr auf den Sportseiten, sondern nur noch in den Klatsch-und-Tratsch-Rubriken zu lesen. 1994 wurde sie erneut festgenommen. Diesmal hatte die Polizei die Italo-Amerikanerin mit Marihuana erwischt. Immer wieder gab es auch Gerüchte über härtere Drogen. Nach einer Entziehungskur kasernierte ihr Vater Stefano die damals 18-Jährige in einem Tennisklub, um sie mit einer Radikalkur wieder auf den "richtigen Weg" zurückzubringen.

Oft hatte sie sich in den letzten Jahren den quälenden Fragen nach diesem Gestern gestellt, nach der Vergangenheit eines glänzenden Aufstiegs als 14-jähriges "Jenny-Baby" - mit Sommersprossen und Zahnspange - und dem tiefen Fall in die mehr oder weniger bewusste Rebellion gegen die Tennis-Glitzerwelt. Vor zwei Jahren brach sie - inzwischen zurückgekehrt auf den Tennisplatz - zuerst in New York, später auch in Melbourne in Tränen aus, als die alten Dramen "wieder und wieder hochkochten". Sie verlas sogar ein Statement, in dem sie bat, "mich nicht mit den Fragen nach dem Früher zu behelligen." Gestern gefragt, ob der Sieg in Melbourne schöner sei als die Goldmedaille, sagte Jennifer Capriati: "Dies hier ist ein Sieg in meinem zweiten Leben. Olympia damals, das war ein anderes, fernes Leben."

Der erste Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier "kommt nicht aus heiterem Himmel. Er hat viel Vorbereitung gebraucht", sagte die Siegerin. "Ich wusste, dass ich mich gegen die großen und starken Mädchen im heutigen Tennis nur behaupten kann, wenn ich selbst an Kraft und Kondition zulege." So hatte sie sich immer näher an die Weltspitze herangetastet. Noch im letzten Jahr verlor Capriati in Melbourne im Halbfinale gegen Lindsay Davenport.

Doch schon früher in den beiden Grand-Slam-Wochen des Jahres 2001 hatte Jennifer Capriati das Gefühl, "dass dies mein Turnier ist, dass ich hier voll zuschlagen kann." Von einer "Welle der Zuversicht" ließ sich die Amerikanerin auch bei der letzten Herausforderung tragen, dem Duell mit Martina Hingis. Nach acht Minuten führte sie 3:0, verkraftete auch eine kleine Schwächephase, als die Schweizerin von 1:5 zum 4:5 aufholte. Doch es war nur ein Aufflackern der Klasse von Hingis. "Ich hatte nichts mehr zuzusetzen", sagte die Verliererin später. Martina Hingis verlor in Melbourne nun schon das vierte große Endspiel in Folge.

Vermutlich hatte die Schweizerin auch längst nicht mit einer so starken Gegnerin gerechnet. Doch an diesem Tag stand der Nummer eins eine andere Spielerin als jene Jennifer Capriati gegenüber, die alle fünf bisherigen Vergleiche verloren hatte. Das wurde vor allem im zweiten Satz deutlich, einem ebenso kurzen wie schmerzlosen Satz, in dem Capriati zunächst das Break zum 4:3 und dann zum 6:3 schaffte. Und dann, im allerletzten Moment dieses großen Rührstücks, dem Moment des Sieges, haben sich wohl viele der 15 000 Zuschauer gefragt, ob sie ein Hollywood-Melodram oder doch das Finale der Australian Open gesehen haben.

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