Sport : Australian Open in Melbourne: Tennismatch als Achterbahnfahrt

JÖRG ALLMEROTH

Anke Hubers Halbfinal-Niederlage gegen Martina Hingis war "eine total komische Angelegenheit"VON JÖRG ALLMEROTH MELBOURNE.Es war ein Verwirrspiel, das im Kuriositätenkabinett der Grand-Slam-Geschichte seinen Platz finden dürfte.Eine fasträtselhafte Achterbahnfahrt, für die nicht nur 12 000 Zuschauer auf dem Centre Court, sondern auch die beiden Hauptdarstellerinnen dieser Tennis-Nummer keine halbwegs sinnvolle Erklärung fanden.Nur soviel stand fest am Ende eines Wechselbades der Gefühle: Die Schweizer Weltranglistenerste Martina Hingis zog durch einen 6:1, 2:6, 6:1-Sieg über Anke Huber wie vor zwölf Monaten ins Endspiel der Australian Open ein und trifft dort auf die Spanierin Conchita Martinez, die Amerikas Olympiasiegerin Lindsay Davenport in drei Sätzen ausschaltete. Die fünfte Finalteilnahme bei einem Grand Slam in Folge hatte befremdliche Züge für Martina Hingis."Wie ich das heute geschafft habe und was genau da draußen passiert ist, das weiß ich nicht", sagte Hingis ratlos."Es war einer der verrücktesten Tage, seitdem ich im Tennis-Geschäft unterwegs bin." Während dessen grübelte auch die 23jährige Anke Huber, die zum zweiten Male nach 1996 bei den Australian Open ins Endspiel vorstoßen wollte, nicht minder vergeblich, "wie man das beschreiben soll, dieses Hin und Her, diese Höhen und Tiefen".Es blieb, nicht nur bei Huber, völlige Konfusion: "Dieses Match ist wie ein Buch mit sieben Siegeln." Es sei eine "total komische Angelegenheit" gewesen, sagte Hubers Schweizer Trainer Zoltan Kuharsky, "beide Spielerinnen sind durch Form-Wellentäler gegangen." Mehr noch als das offizielle Ergebnis illustrierten die Zwischenstände einen 77minütigen Showdown, der in drei Teile zerfiel: Bis zum 6:1 und 2:0 Mitte des zweiten Satzes sah Martina Hingis, die Beste der Tenniswelt, wie die ungefährdete Siegerin gegen eine hilf- und kraftlose Anke Huber aus, die sich "regelrecht überrollt" fühlte von Wucht und Dynamik des "Powergirls aus den Alpen" (The Age).Doch "wie aus dem Nichts" (Trainer Kuharsky) entwickelte Anke Huber nach einem zunächst langweiligen Einbahnstraßen-Tennis von Hingis plötzlich Wechselverkehr auf dem Centre Court - und daraus sogar eine eigene zeitweiligeÜberlegenheit. Sieben Spiele lang, vom 0:2 bis zum 6:2 im zweiten Satz und dann zum 1:0 im dritten Satz, war Huber eine alle Bälle perfekt treffende und das Geschehen dominierende Figur des Zweikampfs.Da habe sie sich nicht mehr "so wohl gefühlt" auf dem Platz, sagte später Martina Hingis, "es war fast unheimlich, wie gut Anke mit einem Mal spielte." Und Hingis-Mutter und -Trainerin Melanie Molitor fürchtete gar: "Wenn die Huber mal einen Lauf hat, ist sie nur schwer zu bremsen." Es sei denn, durch sich selbst.Zwei vergebene Breakbälle zum 2:0-Vorsprung, zwei Punkte vom 40:15 zum 40:40 im ominösen zweiten Spiel des entscheidenden dritten Satzes genügten Anke Huber zu einem mentalen Zusammenbruch im Minutentakt.Wie ein schöner Spuk war der Aufstand der deutschen Außenseiterin vorbei, die bis zum 1:6 im Abschlußdurchgang kein einziges Spiel mehr gewann und die Zahl ihrer leichten Fehler katapultartig auf 40 schraubte. "Nach dem 1:1 im dritten Satz war ich fertig und kaputt", sagte Huber.Hingis wußte derweil gar nicht, wie ihr geschehen war: "Ich war eigentlich schon erledigt", sagte die Schweizerin.Ob sie denn einen Rat für die immer wieder mental schwankende Deutsche habe? "Lieber nicht", so Hingis, "sonst wird sie mir zu gefährlich". Vor der Finalgegnerin Martinez hat die Schweizerin jedenfalls nicht soviel Respekt: "Das müßte zu machen sein", sagte sie.

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