Sport : Australian Open: Noch Fußvolk in der Hölle des Zufalls

Jörg Allmeroth

Im "Crown"-Casino von Melbourne, an den Ufern des Yarra River, ähnelt die Hackordnung fast genau den Machtverhältnissen im Wanderzirkus: Während die deutschen Tennisgrößen Nicolas Kiefer und Tommy Haas ins gemeine Fußvolk der Glücksritter eintauchen müssen, um am Black Jack- oder Roulette-Tisch ein wenig zu zocken, ist für Stars wie Andre Agassi ein diskreter Raum im Spielerparadies reserviert. Dort wird nicht um große Titel, sondern um großes Geld gespielt. Mindesteinsatz ab 5000 Dollar aufwärts. "Agassi ist wie ein Phantom. Wenn er vorbeikommt, sieht und hört ihn keiner", sagt Kiefer, der bei seinen Abstechern "ganz ordentlich gewonnen hat" in der Hölle des Zufalls.

Draußen vor der Tür stehen zu müssen, vor der Pforte zur illustren Gesellschaft, kann sich für die beiden bekanntesten Tennisspieler Deutschlands in ihrer eigenen Arbeitswelt etwas ändern - womöglich sogar schon am Donnerstag, der einen neuen Durchbruch für Kiefer und Haas bieten könnte: Gewinnt Kiefer gegen den letztjährigen Melbourne-Finalisten und Olympiasieger Jewgeni Kafelnikow, und schlägt Haas den australischen Topmann Lleyton Hewitt, dann würde das Daviscup-Duo in den Kreis der Mitfavoriten bei dem Grand-Slam-Spektakel aufrücken. "Es ist eine tolle Chance für beide, Enttäuschungen der vergangenen Saison hinter sich zu lassen", sagt Daviscup-Trainer Charly Steeb, "beide haben eine echte Möglichkeit, die Matches zu gewinnen."

Kiefer und Haas vergeudeten bei ihren ersten Turnieraufgaben am Dienstag nicht übermäßig viel Kraft und Energie: Kiefer, in seiner Überlegenheit fast im Spargang fahrend, schlug den kleinen Kämpfertypen Wayne Black (Zimbabwe) mit 6:3, 7:5 und 6:2 aus dem Rennen. Und Haas ließ dem Chilenen Nicolas Massu bei der 6:3, 6:1, 6:1-Lektion in 88 Minuten noch weniger Chancen als beim Finalduell vor anderthalb Wochen in Adelaide. "Die Jungs sind wirklich gut in Schuß, haben Sicherheit und Selbstvertrauen in ihrem Spiel", sagte Steeb, der sich auch über Erfolge von Rainer Schüttler, Alexander Popp und Lars Burgsmüller freuen konnte. Immerhin ein halbes Dutzend DTB-Spieler erreichte damit die zweite Melbourne-Runde. Wie auch bei den Damen Marlene Weingärtner und Andrea Glass.

Kiefer glänzte am Dienstag mit Qualitäten, die ihn bei seinem 2000er Australian-Open-Anlauf ins Viertelfinale geführt hatten: Er verzichtete auf jede Effekthascherei, spielte mit Effizienz, Energie und Ehrgeiz. Nüchtern inszenierte der Niedersachse seine Attacken gegen Black, ein mitunter gefährlicher Konterspieler. "Ich bin zufrieden für den Anfang", meinte die deutsche Nummer eins, "aber ich muß mich noch steigern." Besonders beim Aufschlag könne Kiefer noch "mehr Aggressivität" zeigen, forderte Trainer Sven Groeneveld.

Kafelnikow, seit vielen Jahren Angstgegner der Deutschen, zählt nicht gerade zu Kiefers Freunden: Bei der ATP-WM 1999 in Hannover verkündete der Russe 1999, er werde Kiefer eine Lehrstunde erteilen. Doch statt Kafelnikow drang Kiefer ins Halbfinale vor, "bis heute eine Genugtuung für mich." Allerdings will der 24-Jährige alle Aversionen nun ausblenden. "Da ist kein Platz für falsche Emotionen", sagt Kiefer, der sich mit Freundin Inga beim Besuch des Melbourne-Aquariums ein wenig die Zeit vor dem Match vertreiben will.

Auch Haas fühlt sich gerüstet für seine Zweitrundenaufgabe, fiebert dem Vergleich mit Lleyton Hewitt entgegen: "Für solche Spiele quält man sich doch das ganze Jahr über", sagte der Hamburger, "ich werde sicher meinen Spaß haben." Mit dem Erfolg in Adelaide und der Fitness-Offensive an der Seite seines neuen Tennis-Beraters Gavin Hopper hofft Haas, die Grundlagen für einen Coup gegen den Fighter Hewitt gelegt zu haben. Doch für Kiefer/Haas gilt bei allem Optimismus: Die Wahrheit liegt auf dem Court - und favorisiert sind ihre Gegenspieler.

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