Sport : Australian Open: Nur Rittner schlägt sich in Melbourne durch

Jörg Allmeroth

Am Tag, als Melbourne vor Hitze beinahe Feuer fing, hat sich nur Tour-Seniorin Barbara Rittner mit allerletzter Kraft als deutsche Alleinunterhalterin ins Achtelfinale durchgeschlagen: Während die Leverkusenerin nach einem 6:1, 3:6, 6:1-Sieg gegen Ruxandra Dragomir (Rumänien) in der Open-Air-Sauna freudig dem spannungsgeladenen Showdown mit der russischen Tennis-Schönheit Anna Kurnikowa entgegenblickte, stand der Davis-Cup-Spieler David Prinosil in seinem gestrigen Match gegen Andre Agassi dicht vor einem körperlichen Kollaps. 54 Grad wurden im Center Court gemessen, eine Luft wie im Treibhaus - das war zu viel für den tapferen Amberger, der bei einem 6:7 (11:13), 0:5-Rückstand mit erschreckendem Ruhepuls von 150 und mit über 38 Grad Fieber aufgeben mußte: "Mein Hirn hat sich wie Rührei angefühlt", sagte Prinosil, "die ganze Birne war matschig."

Dabei hatte der unglückliche Nationalspieler im ersten Satz gegen Titelverteidiger Agassi das Spiel seines Lebens geliefert und den Amerikaner schwer in Bedrängnis gebracht: "Es ist zum Verrücktwerden. Ich komme einfach mit dieser Tropenhitze nicht zurecht", sagte Prinosil, "ich hatte das Gefühl, dass ich heute gegen Andre eine Chance gehabt hätte." Doch schon vor einem dramatischen Tiebreak, in dem Prinosil bei Zwischenständen von 6:2, 10:9 und 11:10 insgesamt sechs Satzbälle ausließ, wurde dem Münchner "recht schummrig" im Kopf: "In der schlimmsten Hitze bekam ich plötzlich Schüttelfrost, mir wurde richtig kalt."

Die Tiebreak-Niederlage, ein herber moralischer Tiefschlag, spitzte die Situation weiter zu: Beim Stand von 0:1 im zweiten Satz hatte Prinosil das Gefühl, "im Feuer herumzulaufen". Fünf Minuten später, Agassi führte schon 3:0, beruhigte sich Prinosils Puls beim Pausenwechsel nicht mehr, blieb so hoch, dass erstmals ATP-Physiotherapeut Doug Spreen zu dem Deutschen gerufen wurde. Prinosil sah, in seinem Stuhl über und über mit Handtüchern bedeckt, aus wie einer, der nach tagelangem Herumirren durch die Wüste gerettet worden war. "So schlimm habe ich mich selten in meinem Leben gefühlt", meinte der Doppelspezialist, "alles drehte sich, mir war schwindlig wie nach einer Achterbahnfahrt."

Auch die 27-jährige Barbara Rittner überlief es in der schlimmsten Wärme eiskalt - Anzeichen eines nahenden Hitzschlags. Doch zum Glück durfte die Deutsche beim 1:1-Satzgleichstand für zehn Minuten wegen der Hitzeregelung im Damentennis pausieren. So hielt sie durch und gewann. "Vielleicht habe ich jetzt Erfolg, weil ich gar nicht mehr viel von mir erwarte", sagte die ehemalige Wimbledon-Juniorensiegerin. "Die Hitze war brutal, die heiße Luft kam von allen Seiten", sagte Rittner, "es war eine Grenzerfahrung."

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