Australian Open : Raus ohne Applaus

Durch eine desolate Leistung verliert Julia Görges ihr Achtelfinale in Melbourne – und zeigt, was ihr noch zur Weltspitze fehlt. Auch Kohlschreiber scheitert im Achtelfinale gegen den wiedererstarkten Argentinier Juan Martin del Potro.

Petra Philippsen
Unkonzentriert und ohne Biss: Julia Görges lieferte eine desolate Vorstellung ab im Achtelfinale der Australian Open.
Unkonzentriert und ohne Biss: Julia Görges lieferte eine desolate Vorstellung ab im Achtelfinale der Australian Open.Foto: rtr

Es wird oft über darüber gerätselt, was wohl den Unterschied ausmacht zwischen guten Spielern und den Besten. Denn spielerisch, so scheint es, trennen sie häufig nur Nuancen. Ein gewisses Talent bringen alle Profis mit, und auch ihre Fitness liegt mittlerweile auf einem ähnlichen Level. Doch wenn es um Siegen oder Verlieren geht, reduziert es sich auf eine einzige Fähigkeit: die Willensstärke.

Julia Görges hätte am Sonntagmittag kaum deutlicher untermauern können, was ihr als Nummer 23 der Welt noch fehlt, um zu den besten Spielerinnen zu gehören. Görges hatte in Melbourne ihr erstes Achtelfinale der Karriere erreicht und vorher betont, dass das genau jene Spiele seien, für die man alles gibt, „für die man sich täglich schindet“. Doch was die 23-Jährige dann in der Hisense Arena gegen Agnieszka Radwanska bot, wirkte fast wie Arbeitsverweigerung. Mit einem desolaten 1:6 und 1:6 schied sie aus. Görges wirkte lustlos, zeigte keinerlei Biss gegen die polnische Weltranglistenachte, die gar nicht viel zu tun brauchte, um den ersten Satz im Eiltempo zu gewinnen. Da stand die Bilanz der leichten Fehler schon bei 14:2 für Görges, ein eklatant hoher Wert. Am Ende lag sie gar bei 27:3.

Görges’ Trainer Sascha Nensel, ihre Eltern und auch Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner verfolgten geradezu entsetzt das Geschehen von der Tribüne aus. Als sich auch nach einer Toilettenpause zu Beginn des zweiten Durchgangs an ihrem Einsatzwillen nichts merklich änderte, rief ihr Rittner wütend zu: „Dann gib’ ihr doch gleich die Hand!“

Gegen eine der Topspielerinnen kann man durchaus verlieren, doch gegen die Art und Weise hatte Rittner etwas einzuwenden: „Das war gar nichts. Man muss sich wenigstens aufbäumen, aber da kam nichts. So verspielt man sich eine Menge Respekt.“ Und den hatte sich Görges wie auch ihre Kolleginnen Andrea Petkovic, Sabine Lisicki und Angelique Kerber durch konstant gute Leistungen in der vergangenen Saison gerade erst erarbeitet.

Aber fast schlimmer als ihr trostloser Auftritt war dann ihre Selbsteinschätzung. „Ich finde nicht, dass ich nicht gekämpft habe“, sagte sie, „es war ein rabenschwarzer Tag. Ich muss das mit Humor nehmen.“ Amüsant fanden die zahlreichen deutschen Fans den 54-minütigen Auftritt nicht, als sie ihr immer wieder „kämpf’ doch endlich!“ zugerufen hatten. Vielleicht hätte Görges das Match von Kim Clijsters verfolgen sollen, denn die Titelverteidigerin aus Belgien lieferte ein furioses Beispiel für Willenskraft und mitreißende Leidenschaft. In der Neuauflage des letztjährigen Finals lag Clijsters gegen die Chinesin Li Na bereits zurück, als sie im ersten Satz auch noch umknickte. Unter Schmerzen spielte die 28-Jährige weiter, Li Na hatte im Tiebreak des zweiten Durchgangs vier Matchbälle – Clijsters wehrte alle ab. Den letzten mit einem perfekt gezirkelten Lob, der genau in die Feldecke plumpste. Die Zuschauer hielt es kaum noch auf den Sitzen. Clijsters drehte die Partie und gewann 4:6, 7:6 und 6:4 – weil sie es so unbedingt wollte. „Es sind mein letzten Australian Open, ich wollte noch nicht ausscheiden. Und nicht so“, sagte Clijsters.

Für Philipp Kohlschreiber nahm der erste Grand Slam des Jahres ein eher unglückliches Ende, der Augsburger musste sich jedoch nicht vorwerfen lassen, nicht alles versucht zu haben gegen Juan Martin del Potro. Der wiedererstarkte Argentinier ist auf dem Weg zurück in die Top Ten und zeigte eine fast fehlerlose Leistung im Achtelfinale. „Er hat von Start bis Ende alles besser gemacht als ich“, sagte Kohlschreiber nach der 4:6-2:6-1:6-Niederlage, „aber ich habe die ganze Zeit gekämpft.“

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