Australian Open : Spaß im Schneckenhaus

Justine Henin trumpft bei ihrem Comeback bei den Australian Open der Tennisprofis mit einem Sieg gegen Jelena Dementjewa auf.

Petra Philippsen[Melbourne]

Justine Henin ist ein konsequenter Mensch. Wenn jemand bei ihr in Ungnade fällt wie ihr Vater oder ihr Bruder nach dem Tod ihrer Mutter vor 14 Jahren, so bricht sie den Kontakt rigoros ab. Nicht einmal zu ihrer Hochzeit durften die beiden kommen, und als die Ehe mit Pierre-Yves Hardenne nach vier Jahren wieder beendet war, strich sie auch ihn endgültig aus ihrem Leben. Auf dem Tennisplatz war Henin stets ebenso kompromisslos. Bei ihrem Comeback nach anderthalb Jahren Pause tritt die Belgierin bei den Australian Open bereits wieder wie ein Champion auf. Mit 7:5 und 7:6 besiegte sie Jelena Dementjewa in Runde zwei. „Es war ein großes Match und sehr emotional für mich“, sagte Henin: „Es war eine besondere Nacht. Vielleicht bin ich dafür zurückgekommen.“

Es wäre ein würdiges Finale gewesen unter dem Flutlicht in der voll besetzten Rod-Laver-Arena. Die Russin ist die Nummer fünf der Setzliste und hat gerade im Finale von Sydney die Weltranglistenerste Serena Williams bezwungen. Vor einem Jahr stand Dementjewa in Melbourne im Halbfinale und war wenig erfreut, nun so früh der größten Gefahr im Tableau gegenüberzustehen. Henin kam mit einer Wildcard ins Hauptfeld, ein Ranking hat sie nach der langen Pause nicht mehr. Für sie wurde es der erste Härtetest gegen eine Top-Ten-Spielerin, nachdem sie bei ihrem Comeback in Brisbane der wiedererstarkten Kim Clijsters in einem hochklassigen Endspiel unterlegen war. Intensiver hätte auch das Match mit Dementjewa kaum sein können, allein der erste Satz dauerte anderthalb Stunden. Henin agierte dabei in den entscheidenden Momenten konsequenter – wie früher. Auch wenn ihr beim ersten Matchball beim 5:4 doch die Nerven versagten. Im Tiebreak riss sich Henin rechtzeitig zusammen und konnte ihren Triumph kaum fassen.

Sieben Mal hatte die zierliche Belgierin schon eine Grand-Slam-Trophäe emporgereckt, vor sechs Jahren auch in Melbourne – doch innerlich fühlte sie sich leer. Mit der ihr eigenen Konsequenz erklärte Justine Henin im Mai 2008 ihren Rücktritt, als erste Nummer eins der Welt. Sie wisse gar nicht, wer sie sei oder wie das richtige Leben aussehe, sagte sie damals, das wolle sie nun herausfinden. Doch das Privatleben konnte der 27-Jährigen auch nicht geben, was sie suchte. Sie habe sich oft sehr einsam gefühlt, sagte Henin, sie sei ausgebrannt gewesen. Nun habe sie erkannt, dass Tennis zu ihrem Leben gehört und dass sie den Wettkampf will. Nur möchte sie es beim zweiten Anlauf mehr genießen. Ob Henin das tatsächlich kann, bleibt fraglich, sie wirkt immer ernst und auch ein bisschen traurig.

„Ich bin sehr schüchtern“, sagt sie, „wenn ich im Scheinwerferlicht stehe, ziehe ich mich in mein Schneckenhaus zurück. Aber ich will jetzt zeigen, dass ich auch Spaß haben kann.“ Bei ihrem Comeback gelang Henin das noch nicht, drei Nächte lang weinte sie sich vor der Partie in den Schlaf. Immer noch wirkt sie verbissen, wie eine Getriebene. „Ich freue mich sehr, dass ich zurück bin“, sagt sie, „aber ich habe auch ein bisschen Angst.“

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